Am 10. August 2026 strahlte das Schweizer Fernsehen SRF in der Hauptausgabe der Tagesschau einen Beitrag zum «Overtourismus» auf dem Jakobsweg und in Santiago aus. TV-Beitrag
Ich wurde seither des Öfteren auf diesen Beitrag angesprochen: «Das ist ja schlimm!» Oder mit der Frage, ob es wirklich so schlimm sei.
Mir ist es ein Anliegen, die angesprochenen Punkte im Bericht etwas zu differenzieren und einzuordnen. Übrigens erschien schon vor 16 Jahren ein sehr ähnlicher Bericht im Schweizer Fernsehen.
Overtourismus in Santiago de Compostela und auf Teilen des Jakobsweges in Spanien
Seit einiger Zeit erscheinen zunehmend Artikel und Medienberichte, die von «Overtourismus» – übertriebenem Tourismus – in Santiago de Compostela sprechen. Diese reihen sich ein in die Berichte über Venedig, Barcelona oder Mallorca. An den Berichten zu Santiago ist speziell, dass diese praktisch durchgehend mit Pilgernden bebildert werden. Dazu wird meist auf die Jakobsweg-Strecke von Sarría nach Santiago Bezug genommen. Sie beträgt ungefähr 100 km. Das Begehen von 100 km auf dem Jakobsweg, ausgewiesen durch zwei Stempel pro Tag, berechtigt zum Empfang der Pilgerurkunde «Compostela» in Santiago.
Dazu ein paar konkrete Zahlen des Pilgerbüros von Santiago im Juli 2026.
Im Monat Juli wurden 71’541 Compostelas ausgestellt. Von diesen in Santiago Angekommenen starteten 19’934 Personen in Sarría. Das sind rund 28 %. Addiert man die Startorte Tui und Ferrol, die ebenfalls etwa 100 km entfernt sind, sind es gut 44 %. Im Vergleich dazu starteten in Saint-Jean-Pied-de-Port lediglich 2972 Pilgernde. Das belegt, wie vergleichsweise ruhig es auf dem ganzen Camino Francés zu und her geht. Im Mai, dem Höhepunkt des Jahres, waren es immerhin 5822 Pilgernde.
Die Monate Mai, August und September zählen zu den meistbegangenen Monaten des Jahres.

Weg hinauf zum Cebreiro-Pass. Sehr ruhige Stimmung. Foto vom 15. Juli 2025, 13:20 Uhr, JS
Zu unterscheiden: 1 Mio. Touristen und 0,5 Mio. Pilgernde pro Jahr in Santiago de Compostela
Die Altstadt von Santiago, 1985 ausgezeichnet als UNESCO-Weltkulturerbe, ist nicht nur das Ziel von Fuss- oder Fahrradpilgernden. Das Stadtzentrum und deren Kathedrale werden von Touristen aus aller Welt besucht. Sie kommen per Flugzeug, Privatautos, Bus und Bahn nach Santiago. Im ersten Halbjahr 2025 zählte Santiago 696’085 Hotelübernachtungen.
Im gleichen Zeitraum kamen 294’860 Pilgernde in Santiago an. Aufgerundet und auf das ganze Jahr gerechnet ergibt das eine Zahl von rund 1,5 Mio. Hotelübernachtungen. Im Jahr 2025 registrierte das Pilgerbüro von Santiago 530’724 angekommene Pilgernde.
Es bleiben also rund 1 Mio. Touristinnen und Touristen, die Santiago besuchten, ohne den Pilgerweg begangen zu haben. Nicht berücksichtigt und wohl auch schwer zu erfassen sind die Tagestouristen. Auch sie bevölkern die Stadt. Dazu zählen ebenfalls die Ausflugsgruppen von Kreuzfahrtschiffen aus Vigo oder Coruña.
Folgerung: Der Overtourismus kann nicht auf die Pilgernden vom Jakobsweg reduziert werden.
Was sind die Probleme der Stadt Santiago de Compostela
Die vielen Besuche in Santiago haben die Altstadt in den letzten Jahren verändert. Kleine Geschäfte für den Alltag wurden verdrängt durch Souvenirläden. Die Mieten stiegen in den letzten Jahren bis zu 40%. Dies wiederum bewirkte, dass viele Einheimische aus der Altstadt wegzogen. Airbnb-Wohnungen und neue Hostals, Pensionen und Hotels sind entstanden. Entlang der Routen, in der die Pilgernden ankommen, ist manchmal viel Lärm von vornehmlich und manchmal grossen Jugendgruppen – aber nicht nur – zu vernehmen. Die Stadtregierung hat im Jahr 2025 eine Kur- resp. Tourismustaxe pro Nacht eingeführt, um die Stadtkasse am Erfolg zu beteiligen. Die Airbnb-Wohnungen werden genauer kontrolliert. Ob diese Massnahmen etwas bewirken, ist zu bezweifeln.
Die Pilgermessen der Kathedrale sind sehr gefragt. Es gibt Zeiten in der touristischen Hochsaison oder an besonderen Feiertagen, bei denen eine sogenannte Brücke von Frei-Tagen möglich ist, in denen die Warteschlange von einer bis zu zwei Stunden dauert. Am 24. Juli 2026 musste ich hingegen für den Abendgottesdienst lediglich etwa 15 Minuten anstehen.
Der Jakobsweg ist mehr als die letzten 100 km
Um von den letzten 100 km Druck zu nehmen, wurde ab 1. Januar 2025 die Regelung zum Erhalt der Compostela geändert. Diese Änderung ist noch nicht ins Bewusstsein der Pilgernden vorgedrungen. Es ist nun möglich, irgendwo auf einem spanischen Jakobsweg 100 km per Stempel auszuweisen. Wer ausserhalb von Spanien beginnt, kann 30 km von dort ausweisen. Allerdings muss die Compostela dann doch in Santiago abgeholt werden.
Die ganzen Regeln habe ich hier zusammengestellt: www.pilgerpass.ch/regeln/.
Nach meiner Erfahrung ist es gut möglich, auch im Sommer einen ruhigen Jakobsweg durch Spanien zu erleben. So pilgerte ich im Juli 2025 mit einer Gruppe ab Villafranca-del-Bierzo nach Santiago. Abgesehen von den bekannten Hotspots wie Sarría oder Portomarín ging es relativ ruhig zu und her. Das Aufkommen von vielen Pilgernden dauerte meist nur bis Ende Vormittag. Danach waren die Wege fast leer. Noch ruhiger verlief die diesjährige Pilgerreise im Juli von Santiago nach Muxía und Finisterre. Von überlaufenem Weg keine Spur. Wer es ganz ruhig liebt, möge durch die Schweiz und Frankreich pilgern.

Typisches Bild auf dem Weg von Santiago nach Muxía – alle Pilgernden auf dem Bild gehören zu unserer Gruppe. Foto vom 17. Juli 2026, 14:36 Uhr, JS.
Wo sich die Pilgernden an der Nase nehmen sollten
Ich beobachte seit einigen Jahren zwei Trends:
Erstens ist es dank des Flugverkehrs mit Billigtarifen möglich geworden, einen Kurztripp auf dem Jakobsweg zu unternehmen. Hinflug, ein paar Tage auf dem Jakobsweg, Heimflug. Der Gedanke von Entschleunigung bleibt da auf der Strecke. Warum nicht zwei bis drei Wochen einplanen? Warum nicht per Bus oder Bahn an- und heimreisen?
Beispiele für Anreisen habe ich hier aufgeführt: https://www.pilgern.ch/faqs/
Der zweite Trend betrifft den Gepäcktransport auf dem Jakobsweg. Viele nutzen Taxifirmen, um ihr Gepäck in Koffern von Unterkunft zu Unterkunft transportieren zu lassen. Ausgerüstet mit einem kleinen Tagesrucksack oder gar keinem eilen sie durch das Land wie auf einem Fitness-Weg. Die Grunderfahrung des Pilgerns, die mit Einfachheit und Freiheit durch Einschränkung bezeichnet werden kann, ist damit nicht mehr möglich.
Zusammengefasst gesagt: kurz, schnell und leicht soll es sein – gerade das Gegenteil von dem, was Fuss-Pilgerreisen ausmacht: Langsamkeit, Entschleunigung, Vereinfachung und Reduktion aufs Wesentliche.
Was könnte für die Zukunft des Jakobsweges nach Santiago hilfreich sein?
Für die Erlangung der Compostela würde ich die benötigte ausgewiesene Strecke auf 200 km erhöhen. Die öffentlichen und religiösen sowie möglichst viele privat geführten Herbergen sollten keine Gepäcktransporte mehr akzeptieren – natürlich abgesehen von medizinisch bedingten Transporten.
Soll ich trotzdem eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg in Spanien unternehmen?
Meine Antwort ist ein unbedingtes «Ja». Auf dem Camino Francés sind bis Sarría genügend Unterkünfte ohne Reservation vorhanden. Eine wichtige Voraussetzung für einen gelungenen Pilgerweg ist, genügend Zeit einzuplanen. Die Rückreise sollte nicht so eng angesetzt sein, dass es keine Luft mehr für Eventualitäten oder Unvorhergesehenes gibt. Der Besuch der Kathedrale in Santiago mit dem Gang zum Apostelgrab und dem «Abrazo del Apostól» – der Umarmung des Jakobus – ist am frühen Morgen ein besonderes und ruhiges Erlebnis. Die deutschsprachige Pilgerseelsorge feiert jeden Morgen um 9 Uhr in einer kleinen Kapelle der Stadt einen persönlich gestalteten Gottesdienst in deutscher Sprache.
Das Bedürfnis nach spiritueller Erfahrung kann gestillt werden.

vom Kap zum Dorf Finisterre am 23. Juli 2026, 12:42 Uhr, Foto: JS

Obradoiro-Platz in Santiago am 24. Juli 2026, 11:17 Uhr. Foto: JS


