Verwandt mit Pilgern

Es gibt grössere Zusammenhänge, die verwandt mit Pilgern sind. Ein paar solcher Felder sind hier skizziert.

Geistige PilgerschaftAbraham und SaraWeise aus dem MorgenlandBruder KlausChristus als PilgerEngel RaphaelJenseitsreiseder Tod als Freund

Labyrinth von Chartres

Labyrinth von Chartres. Kopie einer Fotoreproduktion: Bodenlabyrinth von Chartres

In Chartres steht eine der berühmtesten gotischen Kathedralen. Sie ist selbst eine Station auf dem Pilgerweg nach Santiago. Auf dem Fussboden ist ein Labyrinth eingelassen. Es nimmt die ganze Breite des Schiffs ein. Somit ist beim Betreten des Kirchenschiffes das Labyrinth eine Art Durchgang.

Auf dem Labyrinth wurde jeweils ein Ostertanz der Kleriker aufgeführt. Im Ostertanz wurde die Auferstehung Christi und die neue Weltschöpfung gefeiert. Der liturgische Tanz ging weiter nach Sens und Auxerre. Auch dort gab es ein Bodenlabyrinth.

Das Labyrinth leitet auf Pfaden, die chaotisch scheinen, doch in  Wirklichkeit geordnet sind. Die Kirchenlabyrinthe waren immer einlinig und also kein Irrgarten. Man kann den Weg nur scheinbar verlieren – er führt aber mit Sicherheit ins Zentrum – allerdings über viele Wendungen, Kehren und lange Um-Wege.

Labyrinth von Chartres

Chartres. Bodenlabyrinth vom Eingang her betrachtet. Umgang in 11 Kreisen, ca 262 Meter Länge. Foto: JS

Links zu Chartres:

Geistige Pilgerschaft – Holzstich von Flammarion

Holzstich von Flammarion

Pilgern als Durchbruch. Holzstich veröffentlicht in Flammarion’s Buch 1888. nachträglich coloriert – Original in schwarz-weiss.

 

Der Holzstich aus Camille Flammarion, L’Atmosphère. Météorologie populaire, Paris 1888. wurde lange Zeit für mittelalterlich gehalten. Das Bild empfindet das vorkopernikanische Weltbild nach. Der Künstler erklärt seine Darstellung als ‘Durchbruch des Menschen durch das Himmelsgewölbe und Erkenntnis der Sphären’. Das Bild hat etwas mit Pilgern zu tun, weil darin auch oft der Durchbruch in eine neue Welt gesucht wird und oft auch gelingt.

 

 

 

 

 

 

Abraham und Sara, die ‘Ur-Pilger’

Abraham auf dem Sternenweg

Abraham betrachtet den Sternenhimmel. In Gen 15,5 heisst es: “Er führte ihn hinaus und sprach: Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein.” Das Bild stammt von Kees de Kort.

“Der Herr sprach zu Abraham: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem grossen Volk machen, dich segnen und deinen Namen gross machen. Ein Segen sollst du sein.” (Gen 12, 1)

Abraham ist mit Sara aufgebrochen in ein unbekanntes Land. Für mich klingt in dieser Geschichte und dem nebenstehenden Bild das Motiv des ‘Sternenweges’ an. Der Jakobsweg wird auch Sternenweg genannt.

 

 

 

 

Die Weisen aus dem Morgenland

drei Weise Autun

Autun – drei Könige. Element auf einem Kapitell in Autun, Frankreich: ein Engel weist die drei schlafenden Könige auf den Stern hin. Die drei Könige machten sich darauf auf den ‘Sternenweg’, hin nach Bethlehem. Foto: JS

Die Weisen (Magier, Könige) aus dem Morgenland machten sich auf den Weg, weil ein besonderer Stern die Geburt eines Königs ankündete.

Sie machten sich auf Pilgerschaft in die Fremde. Wie der Jakobsweg von Osten nach Westen führt, kommen die Weisen aus dem Osten (dem Morgenland).

Das Matthäusevangelium stellt diese Reise in Kapitel 2, 1-12 dar. In Vers 9 heisst es: “Und siehe, der Stern, den sie im Aufgehen gesehen hatten, zog vor ihnen her, bis er ankam und stehenblieb über dem Ort, wo das Kind war.”

Die ganze Szenerie erinnert die Jakobsweg-Kundigen an die Legende vom Stern, der über dem Feld leuchtete (Campos-Stella), wo das Grab von Jakobus lag.

Andere Anklänge sind in Namen von Gasthäusern bis heute zu erkennen: ‘Drei Könige’ oder ‘Krone’. Diese waren nicht selten Herbergen, die auch Pilgern zur Verfügung standen. Eine solche befindet sich z.B. an der Rue Stalden in Fribourg.

Interessante Seite zu den Drei Königen mit vielen Aspekten

 

Bruder Klaus und die Pilgerschaft

Bruder Klaus und die Pilger

Bruder Klaus wird von einem Pilger besucht. Bruder Klaus und der Jakobspilger. Holzschnitt aus der Chronik von Johann Stumpff, Zürich 1548.

Bruder Klaus – oder Niklaus von Flüe – lebte im Flüeli-Ranft bei Sachseln. Dieser Ort liegt am Jakobsweg zwischen Stans und dem Brünigpass. Offensichtlich hatte Bruder Klaus öfters Besuch von Pilgern. Man weiss von ihm, dass er für viele Menschen ein Ratgeber war.
Bevor Bruder Klaus Eremit wurde, wollte er sich auf Pilgerschaft machen. In Basel ereilte ihn ein Zeichen, das ihm bedeutete, umzukehren und im Ranft zu bleiben.
Dort wurde er ein begehrter Ratgeber für Pilgerinnen und Pilger, aber auch für Politiker. Sein Rat hatte grosses Gewicht.

Siehe folgenden Artikel von Werner T. Huber, Dr. Theol. 

Ein prominenter Pilger war Hans von Waltheym aus Halle, der Bruder Klaus auf seiner Pilgerreise nach Südrankreich und zurück im Flüeli-Ranft aufsuchte. Sein Reisebericht ist veröffentlich. Hier findet sich ein Auszug aus diesem Bericht zum Treffen mit Bruder Klaus, seinen Gesprächen und Empfindungen.

 

 

 

 

Jesus Christus als Pilger

Christus als Pilger

An der Fassade der Herberge von San Juan de Ortega findet sich die Kopie eines Reliefs vom Kloster Santo Domingo de Silos. Es stellt Christus mit den Pilgerutensilien dar, mit Tasche und Jakobsmuschel. Foto: JS

Das nebenstehende Bild erinnert an die biblische Geschichte der beiden sogenannten Emmaus-Jünger.  Die zwei Apostel waren nach dem Tod Jesu voller Trauer unterwegs von Jerusalem nach Emmaus.

Hier ein Ausschnitt dieses biblischen Textes, Lukasevangelium Kapitel 24, Vers 13 und folgende:
“Am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte.
Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, sodass sie ihn nicht erkannten.
Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen, und der eine von ihnen – er hieß Kleopas – antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist?
Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk.” 

Das Bild verdeutlicht eine spirituelle Aussage des Pilgerns: Christus ist als Weggefährte unterwegs auf Pilgerschaft. So wie er damals von Ort zu Ort unterwegs war und nirgends ein zuhause hatte, so ist er auf unserem Lebensweg, auf unserer Pilgerschaft ein Weggefährte.
Er ist immer dort, wo ‘zwei oder drei’ unterwegs sind, zusammenstehen, einander von ihren Nöten und Sorgen berichten und wo sie miteinander das Leben und das Brot teilen.

 

 

Der Engel Raphael als Begleit-Engel

Engel Raphael

Engel Raphael in Cordoba. Foto: JS

Der Engel Raphael wird als Begleit-Engel, als eigentlicher Schutzengel dargestellt. Oft wird er als Begleiter von Kindern analog der biblischen Geschichte mit Tobias (Buch Tobit Kap.5) abgebildet.
In Córdoba traf ich eine besonders interessante Darstellung. Der Engel Raphael ist in dieser Darstellung geschmückt mit Jakobsmuscheln, dem Zeichen des Pilgerns.

An der Aussenfassade des Schulhauses von Niederglatt SG malte der Maler Ferdinand Gehr dieses Motiv, das mich durch die Schulzeit begleitete.

Ferdinand Gehr - Engel Raffael in Niederglatt, SG

Engel Raphael an der Fassade des Schulhauses Niederglatt, SG, dem Geburtsort von Ferdinand Gehr. Bild von Ferdinand Gehr. Foto: JS

 

Die Jenseitsreise als Pilgerreise:  Das Purgatorium des hl. Patrick  (Purgatorium = Reinigungsort)

Der Pilgerort und die Pforte in die jenseitige Welt war Lough Derg im County Donegal in Irland. Es war eine Höhle. Die Pilger kamen zu Tausenden an diesen Ort, wo sie sich im Purgatorium einschliessen liessen.(S.55*) Darin erlebten sie Visionen, in denen sie ihre Pilgerreise bis ins Jenseits ausdehnten. Diese Pilgerreise besteht bis zum heutigen Tag.
Der bekannteste Bericht stammt von einem Ritter Owen, den der Zisterziensermönch H. von Sawtry Ende des 12.Jhdt. zusammenstellte. Es ist eine Bekehrungsgeschichte. Nach einer Nacht in der Höhle kommt Owen in einen langen dunklen Gang. In Weiss gekleidete 12 Männer warnen Owen vor den Gefahren und geben ein Schutzgebet mit, den Namen Jesu.
Er besucht dann vier Stätten der Bestrafung. Er erlebt einen bodenlosen Brunnen, einen feurigen Fluss und eine Brücke darüber. (S.59) Dann kommt er zu einem Tor, das in einen lichtdurchfluteten Raum führt, den Vorraum des Himmels. Weiter geht es auf einen Berggipfel, wo er den Vorgeschmack des Himmels erlebt. (S.60) Er wird gegen seinen Willen durch das Tor zurückgeführt. Danach schliessen sich 15 Tage Meditation in der Kirche an. Danach begibt er sich nach Jerusalem, nicht mehr als Kreuzritter, sondern als Pilger. (S.61)
Das Merkmal der Vision von Ritter Owen ist die Vorstellung des Lebens als einer Pilgerreise. Die Pilgerreise wird im Hochmittelalter ein Symbol für die Reise des einzelnen durch Leben und Tod. (S.63) Darin wird der einsame Sucher gefeiert: der „weltvergessene Eremit, der heilige irische Seefahrer, der Missionsritter, der höfische Liebhaber, der wallfahrende Büsser“. (S.63)
In diesen Zusammenhang wird auch die aufkommende Pilgerreise nach Santiago de Compostela gestellt. Es gibt auch Jenseitsreisen in Visionen, die eine Pilgerreise nach Santiago ersetzen.
(*Aus: C. Zeleski: Nah-Todeserlebnisse und Jenseitsvisionen. Insel Taschenbuch 1995. Zusammengefasst durch Josef Schönauer)

‘Der Tod als Freund’ von Alfred Rethel – Pilgerschaft und Tod

Der Tod als Freund

Alfred Rethel: Der Tod als Freund, 1851

Im Bild von Alfred Rethel steht der Tod bei einem Mann in der Turmstube. Der Tod läutet die Glocke, es ist Zeit. Ein Mann sitzt am Ende seines Lebens in einem Stuhl.
Seine Pilgerutensilien hat er in die ‘Ecke’ gestellt. An den Stuhl angelehnt sehen wir den Pilgerhut mit Jakobsmuschel und den Pilgerstab.
Die Pilgerreise ist zum Ende gekommen. Hier leuchtet das Motiv von der Pilgerschaft als Metapher des Lebensweges auf. Die Stunde schlägt nun.

Der Tod trägt ebenfalls Pilgerutensilien: die Jakobsmuschel, die Kalebasse (Trinkgefäss aus einem Kürbis) und eine Pilgertasche.

Durch das Fenster ist der Sonnenuntergang zu sehen – oder ist es der Sonnenaufgang?

Ein eindrückliches Bild zum Leben als Pilgerreise. In unserem Leben ist der Tod mit dabei. Die Endlichkeit, die Begrenztheit der Stunden ist immer da – wir würden es manchmal lieber anders haben.
(Überlegungen von Josef Schönauer)

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