Traditionelle Beweg-Gründe für die Pilgerschaft

  1. Verehrung einer heiligen Person, eines heiligen Ortes oder eines Heiligtums

    Dieser Beweggrund gilt weltweit für alle Religionen und Jahrhunderte.

    Beispiele:
    – Jerusalem – die Stadt Jesu
    – Rom – die Stadt der Apostel Petrus und Paulus
    – Santiago – Stadt von Jakobus dem Älteren
    – Vézelay – Stadt von Maria Magdalena
    – Mekka – die Stadt Mohammeds
    – Fuji-san – heiliger Berg des Shintoismus in Japan
    – Benares – die Stadt Buddhas
    – Tauropolis – die Stadt der Artemis
    – Einsiedeln – ein Ort der Maria

  2. Suche nach Heil
    Pilger im Wald

    Jakobspilger auf ihrem Weg.
    Stich von H. Cock nach Breughel aus dem 18.Jhdt.

    Die Menschen möchten etwas unternehmen für ihr Heil: für das Heil im Diesseits und auch im Hinblick auf das Jenseits.
    Heil kann bedeuten: seelisches, psychisches, geistiges, körperliches, soziales Heil.

    1. Zur Busse und Sühne

      Die Pilgerschaft wird unternommen, um von begangenem Unrecht, von Schuld, von Sünden zu befreien und erlösen.

    2. Wunder

      Die Pilgerschaft wird unternommen In der Hoffnung, es geschehe ein Wunder, es geschehe eineHeilung (z.B. Lourdes). Das Erwirken eines Wunders wird dabei der verehrten heiligen Person oder dem besonderen Ort mit seinen Eigenheiten zugetraut. Solche Eigenheiten können sein: eine Quelle, Wasser, ein Stein, eine Grotte, ein Weg.

    3. Gelübde

      Zur Erfüllung eines abgelegten Gelübdes nach Bestehen einer Gefahr oder Krankheit. Das Gelübde kann so heissen: ‘Wenn ich diesen Seesturm lebendig überstehe, werde ich nach Jerusalem pilgern.’

    4. zum Dank

      für eine Heilung oder Errettung aus einer Not. Davon zeugen die sogenannten ‘Votivtafeln’ an Pilgerorten wie Einsiedeln. Darauf kann stehen: ‘Zum Dank für die Heilung von der schweren Krankheit.’

Speziell mittelalterliche Beweggründe der Santiago-Pilgerreise

  1. Politisch motiviert

    Könige und Fürsten besuchen einen Ort aus Prestigegründen(Anleihen sind z.B. bei heutigen Papstbesuchen zu erkennen).

  2. Bezahlte Pilgerreise

    reiche Leute, die selber keine Zeit (oder vielleicht auch keine Lust) hatten,beauftragten und bezahlten PilgerInnen, in ihrem Namen eine Pilgerreise anzutreten.

  3. Strafvollzug

    statt jemanden ins Gefängnis zu schicken, wurden Verurteilte auf den Weg nach Santiago geschickt. Gegen Vorweisung der Pilgerurkunde aus dem Zielort wardie Strafe erlassen. (Ähnlichkeiten sind heute bei Bewährungshilfe-Projekten zu erkennen: per Schiff unterwegs, Outdoor-Projekte.)

  4. Unfromme Motive

    Nicht alle machten sich mit ‘frommen’ Motiven auf den Weg. So wundert es nicht, dass es auch Probleme mit der Pilgerei gab. Dies belegt ein Dokument vom 04. Juni 1832, das in St.Gallen veröffentlich wurde. Es weist die Polizei an, ‘Wallfahrter’ ohne gültige Ausweise nach Vorarlberg zurück zu schicken. Dokument (Quelle: Landesarchiv Bregenz)

Beweggründe damals und heute

  1. Tapetenwechsel
    Mittagsrast

    Pilgerin und Pilger bei der Mittagsrast.
    Kupferstich von Lukas von der Leyden, 1508. Quelle

    Die Pilgerreise war ein ‘legaler’, öffentlich anerkannter Grund, aus dem Alltag auszubrechen und die Eintönigkeit des Lebens zu durchbrechen (modern ausgedrückt: Sabbatjahr, Bildungsurlaub).

  2. Neugier auf das Fremde – Kontakt mit dem Fremden

    Die Pilgerreise führt durch fremde Länder, Landschaften und Städte. Sie führt mit fremden Menschen, fremden Kulturen und Religionen zusammen.Der Jakobsweg ist ein echt europäischer, Europa-bildender Weg, resp. ein solches Wegenetz.

  3. Sehnsucht nach Abenteuer und Improvisation

    Eine Pilgerreise, vor allem zu Fuss, bringt viel Unvorhergesehenes und vielfältige, zum Teil abenteuerliche Erlebnisse mit sich. Es kann nicht alles wie zu Hause voraus geplant, organisiert und fixiert werden. Die Aufmerksamkeit wird auf die Gegenwart statt auf die Vergangenheit oder Zukunft gerichtet. Es ist die Erfahrung, im Hier und Jetzt zu leben.

speziell heutige Beweg-Gründe

  1. Sehnsucht nach Einfachheit und Ursprünglichkeit

    Die Lebenswelt ist immer komplexer. Der Mensch erfährt sich darin manchmal orientierungslos und überfordert. So entsteht die Sehnsucht nach Einfachheit, Entschleunigung und Ursprünglichkeit. Sie ist bei Pilgerinnen und Pilgern in folgenden Themenfeldern erkennbar:

    1. Lebensstil

      Die Pilgerreise geschieht mit natürlicher Fortbewegung, einfachem Essen, wenig Kleidern und einfachem Wohnen. (auch zu beobachten bei Survival Reisen) Die Reduktion wird nicht als ‘Opfer’ erfahren, sondern ist ein lustvoller Gewinn. Deutlich ist dies am Gewicht des Rucksackes abzulesen.

    2. Zeit-Erfahrung

      Den Tag, die Woche(n), den Monat ohne Terminkalender oder Tagesplan-Raster zu erleben. Dazu ein Text von Bernard de Clairveaux, der ebensogut von einem Lebensberate aus der heutigen Zeit formuliert sein könnte: GOENNE-DICH-DIR-SELBST

      Rast

      das Rasten gehört zum Pilgern

    3. Entschleunigung

      Schon fast ist es ein Modewort – aber der Inhalt ist aktuell. In der Schnelllebigkeit entsteht die Sehnsucht nach Verlangsamung. Es ist nicht nur ein individueller Wunsch, sondern wird mehr und mehr auch gesellschaftlich und ökonomisch entdeckt. Z.B. mit der Anstellung von älteren ArbeitnehmerInnen, die zwar langsamer arbeiten aber mit mehr Qualität und Erfahrungswissen.

      Rast

      Mittagsrast einer Pilgerin

  2. Religiöse / spirituelle Erfahrungen

    Der Pilgerweg ermöglicht direkte, archaische und sinnliche religiöse / spirituelle Erfahrungen statt entleerte, abgehobene oder unverständliche Lehren und Rituale.

    Erfahrung der Verbundenheit und des ‘sich eins fühlen’ mit der Schöpfung, dem Kosmos, mit Gott (All-ein).

    Religio heisst ‘verbunden, rückgebunden’. Pilgern wird auch bezeichnet als: Beten mit den Füssen und dem ganzen Körper.

  3. Leiberfahrung

    Die Erfahrung machen, dass ‘ich’ der Körper, der Geist und die Seele bin, statt sie zu haben. Der Mensch ist als ‘Leib’ unterwegs – Seele, Körper und Geist kommen gleichzeitig in Bewegung und entdecken sich neu. Es kommt ‘etwas in Gang’.

  4. Verabschieden

    Einige Menschen machen sich auf den Pilgerweg, um Abschied zu nehmen: von einer verstorbenen Person, von einer getrennten Person, von der Arbeitswelt (Pensionierung), von einer bestimmten Lebensphase.

  5. Pilgerschaft und Abschied-Nehmen

    Auf der Pilgerschaft gehört das Abschied-Nehmen zu jedem Tag. Täglich führt die Reise weiter. Panta rei! – alles fliesst! Dieses Lebensprinzip entdeckte der griechische Philosoph Heraklit beim Betrachten eines Flusses. Schon nach einem Augenblick ist der Fluss nicht mehr der Gleiche wie vorher.
    Der Pilgerweg zeigt durch Erfahrung auf, dass unser ganzes Leben ein ‘abschied-liches’ Leben ist: Abschied von der Mutter bei der Geburt, von Lebensphasen, von Idealen, von befreundeten Menschen, von liebgewordenen Orten.

Todo pasa,
y toda queda,
pero lo nuestro es pasar,
pasar haciendo caminos,
caminos sobre la mar.

(Antonio Machado, ganzer Text spanisch)

Alles vergeht, und alles bleibt,
aber es ist unser (Schicksal) zu vergehen,
zu vergehen, indem wir Wege gehen,
Wege über das Meer.

(Übersetzung von Barbara Haab)

Das Verabschieden wird auf der Pilgerschaft täglich erlebt und durchlebt. Im Alltag zuhause wird es oft übertönt oder weggeschoben. Die Trauer, herstammend aus Abschied(en) und Verlusten, bekommt Raum und darf leben. Sie kann sich wandeln in Lebensenergie und sie kann ihrer Schwester, der Freude, Platz machen.
Nicht zuletzt ist das Ende des Pilgerweges in Santiago ein Trauer auslösender Moment, was Viele im ersten Moment aus Freude über das erreichte Ziel nicht erkennen können.
Manchmal äussert sich diese Trauer im Empfinden der Stadt Santiago. Sie wird als überlaufene, chaotische Massen-Stadt beschrieben – das Aussen bildet das Innen ab und kann gut verwechselt werden. Das individuelle Empfinden ist total anders als die objektiv sachliche Realität. Santiago ist eine ruhige und gar beschauliche Stadt.
Dass in früheren Zeiten auch die Heimreise eine nochmals gleich lange Pilgerreise war, hatte seelisch gesehen sicher ihren Wert. Die Erfahrung des langsam ‘dem Zuhause Annähern’ fehlt uns heutigen Pilgernden meist. Die Seele äussert sich deshalb nach der Ankunft zuhause bei vielen Pilgernden mit einer Krise. Sie benötigt Zeit, um von der Pilgerwirklichkeit in die Alltags-Wirklichkeit zu wechseln.

Pilger

Pilgerskulptur aus Tournus

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