Soweit es mir möglich ist, werde ich hie und da einen Impuls notieren, der als Lebenshilfe gedacht ist.
Fragen oder Kommentare nehme ich gerne per Mail entgegen:
Josef Schönauer, pilgern.ch, jakobsweg@pilgern.ch

Live-Übertragungen von Gebeten und Gottesdiensten
ins Weite pilgern

für die Zeit mit Corona-Virus-Umständen


18. Mai: im Universum… staunen…

Seit ein paar Nächten schaue ich fasziniert in den Himmel, wenn mir ein App angibt, dass die Raumstation ISS oben vorbei zieht. (ISS Detector) In zügigem Tempo zieht der helle Punkt wie ein Stern seinen Bogen und überfliegt mit gut 27’500 km/h die Erde. Kaum über Marokko, schon über der Schweiz und wieder kaum danach über Sibirien. Aber noch mehr fasziniert mich das Bild der Erde. Blaue Rundung, weisse Wolken, braune Erden. Wir kleinen Menschen irgendwo auf diesem Rund, Tiere, Pflanzen. Von den Nöten ist nichts zu sehen – aber sie sind auch. Eine Fernsehsendung vom letzter Woche schilderte die Unternehmung von einigen Frauen, vom Universum eine Kartographie zu erstellen. Sie sprachen voll Begeisterung und Freude. (Sendung Einstein auf SRF 1 – die Vermessung des Universums)
Sie kennen das Universum, wie sie sagen, zu rund 1 %. Es sind Milliarden von Lichtjahren, die sie mit ihrem Blick erheischen. 1 Lichtjahr sind 9’460’730’472’580.800 km…. Was dann erst 1 Millarde Lichtjahre sind?? – zum Vergleich: die Erde und die Sonne sind 8,28 Lichtminuten voneinander entfernt.
Unser Ort im Universum: die Erde gehört zum Sonnensystem – dieses ist ein Teil der Galaxie Milchstrasse – diese ist zusammen mit ein paar Dutzend anderer Galaxien ein Teil der ‚lokalen Gruppe‘ – diese wiederum ist ein Teil des gigantischen Superhaufens Laniakea. (Laniakea ist hawaianisch und bedeutet ‚unermesslicher Himmel‘.) Darin sei unsere Milchstrasse nur ein Punkt. Aber: die Milchstrasse besteht aus 100 – 300 Milliarden von Sternen!

Da bleibt mir nur Staunen und Schweigen.

11. Mai: es ist noch nicht der Moment

Es ist allen klar, dass im Frühling/Frühsommer 2020 nicht der Moment ist, auf eine grosse Pilgerreise zu gehen.
Dies erinnert mich an die Tatsache, dass „der Moment“ für jede Pilgerreise wichtig ist.
Jemand möchte gerne auf den Jakobsweg gehen: aber die Kinder sind klein und der Vater oder die Mutter werden zuhause benötigt. Es ist nicht der Moment.
Jemand möchte auf den Jakobsweg gehen, aber in der Familie ist jemand schwer krank und benötigt Begleitung. Es ist nicht der Moment.
Jemand möchte auf den Jakobsweg gehen, aber in der Firma ist ein Umbruch im Gange, den es zu bearbeiten gilt. Es ist nicht der Moment.
Es ist einfach, die Liste zu verlängern.
Ethymologisch ist das Moment bei einer Schwebewaage das Übergewicht, das bei gleichschwebenden Waagebalken den Ausschlag gibt. Das deutet darauf hin, dass es plötzlich soweit sein kann. Der Moment, der richtige Augenblick ist eingetreten.
Manche warten einige Jahre mit viel Geduld und Beharrlichkeit, bis „der Moment“ da ist.
Wenn dann der Moment kommt, ist es ein wunderbares Gefühl von Stimmigkeit. Gelassen, unverkrampft und froh kann das Vorhaben Pilgerreise angegangen werden.
Der Moment kommt.
Es heisst, geduldig auf ihn zu warten und zugleich wach zu bleiben, um ihn nicht zu verpassen. Der Camino, der Pilgerweg, weiss zu warten.
Oder: ich begnüge mich dem Weg, der möglich ist. Zum Beispiel einzelne Tagesetappen im eigenen Land.

auf dem Bild spanisch: Pilger/Pilgerin, es ist nicht der Moment! Der Pilgerweg weiss zu warten.

02. Mai: Tag der hl. Wiborada

Wiborada war eine Inklusin. Sie liess sich bei der Kirche St. Mangen, St. Gallen, einmauern und lebte so 10 Jahre ihres Lebens sozusagen unter ‚Quarantäne‘. Diese selbstgewählte Lebensform ermöglichte ihr die Konzentration auf das Göttliche. Davor war sie nach Rom gepilgert. Sie lernte die Psalmen auswendig. Zuhause pflegte sie ihre Eltern. Zur Probe liess sie sich bei St. Georgen, St. Gallen, einmauern. Danach bei St. Mangen.
Sie wurde von vielen Menschen aufgesucht, die Hilfe oder einen Rat benötigten. Dank ihr wurden alle Bücher der Stiftsbibliothek nach Reichenau verfrachtet. Wiborada hatte in einer Vision gesehen, dass die Ungarn kommen würden. Das geschah auch tatsächlich. Sie wurde von diesen am 1. Mai 926 getötet.
Als erste Frau der Welt wurde sie mit einem offiziellen römischen Verfahren im Jahr 1047 heilig gesprochen. In St. Gallen wurde im Jahr 1986 eine feministische Bibliothek mit ihrem Namen eröffnet: Wyborada Frauenbibliothek. Der Name ‚Wyborada‘ bedeutet: weibliche Ratgeberin. Artikel im ökumenischen Heiligenlexikon

Wiborada im Dom St. Gallen 2020. Foto: Bistum St. Gallen

01. Mai: ein Ja zu den Überraschungen

„Sag ja zu den Überraschungen, die deine Pläne durchkreuzen, deine Träume zunichtemachen, deinem Tag eine ganz andere Richtung geben – ja vielleicht deinem Leben. Sie sind nicht Zufall. Lass dem himmlischen Vater die Freiheit, deine Tage zu bestimmen.“ Dom Hélder Câmara, Befreiungstheologe.

wie geht es nach der Kurve weiter?

30. April: Nada te turbe

„Nada te turbe, nada t’espante; Quien a Dios tiene, nada le falta. Nada te turbe, nada te espante: Sólo Dios basta.“ (Teresa von Avila)
nichts beunruhige dich, nichts ängstige dich: wer auf Gott vertraut, der/dem fehlt nichts. ….

Ein kraftvolles Lied mit dem Wunsch nach Vertrauen gegen die Angst oder die Unruhe in der Isolation zuhause gesungen. Das Lied stammt aus Taizé. Ich habe es dort kennen gelernt. Hier singen viele junge Leute online zusammen.

29. April: österliche Meditation

Gesang, Psalmgebete und Bilder – aus dem Kloster Kappel am Albis

15. April: Halte mich nicht fest!

Bild in der Kapelle unterhalb von St. Baume, wo gemäss Legende Maria Magdalena 30 Jahre als Eremitin lebte

Zu den eindrücklichsten Geschichten der Bibel zählen für mich die nachösterlichen Erzählungen im Neuen Testament. So die Berichte von Maria Magdalena im Johannesevangelium. In Kapitel 20 geht sie früh am Morgen zum Grab Jesu und sieht, dass der Stein weggerollt ist. Sie berichtet dies den Jüngern. Petrus und Johannes vergewissern sich, dass der Bericht von Maria Magdalena stimmt. Sie betreten das Grab. Von Johannes heisst es: er sah und glaubte (V.8). Dann gehen die beiden Jünger weg. Maria Magdalena bleibt beim Grab und trauert. Sie betritt es und wird gefragt, warum sie weine.
Dann dreht sie sich um und meint, den Gärtner vor sich zu sehen. Sie bittet diesen, ihr zu sagen, wo man den Leichnam Jesu hingelegt habe. Er antwortet: „Maria!“. Sie erkennt seine Stimme und sagt nur: „Rabbuni!“ – Lehrer.
Diese intensive Begegnung kann nicht knapper geschildert werden. Die gegenseitige Liebe ist direkt hörbar. Was nicht dasteht, können wir uns vorstellen. Maria Magdalena geht auf den Auferstandenen zu und möchte diesen intensiven Moment der Begegnung festhalten. Der Auferstandene sagt: „Halte mich nicht fest…“ und geh zu den Jüngern um ihnen zu sagen, dass ich zu Gott zurückkehre.
Eine Beziehung in ihrer Intensität festhalten wollen ist wohl allen Menschen bekannt. Die Zeit soll still stehen. Maria Magdalena bleibt in einer Dynamik. Sie wird weitergehen und ihr Erlebnis verkünden. Die Zeit steht nicht still. Aber sie ist erfüllt von dem, was geschehen ist. Die Fülle des Lebens ereignet sich nicht im Festhalten, sondern im Weitergehen.
Mehr zu Maria Magdalena habe ich hier zusammengestellt.


14. April: Gebet zum hl. Kolumban angesichts Corona

Von Irland aus hat ein Priester der Kolumban-Missionare ein Gebet für die Zeit der Corankrise verfasst. Es wurde dann in viele europäische Sprachen übersetzt. Aus den verschiedensprachigen Gebeten hat er einen Video zusammengestellt mit Fotos entlang dem Kolumbansweg von Irland, Frankreich, Schweiz und Italien.

Startbild Galluskapelle Arbon wo auch Kolumban weilte – das Gebet wird versweise in verschiedenen Sprachen gebetet

11. April: Karsamstag – der Tag dazwischen

Frère John aus Taizé erklärt anhand eines Bibeltextes und auf dem Hintergrund der jetzigen Corona-Zeit, was der Karsamstag uns zu sagen hat.
Der Tag zwischen Kreuzestod und Auferstehung, ein Sabbat, ohne Kontrolle der Menschen.
Englisch gesprochen mit deutschen Untertiteln.
(Taizé ist eine ökumenische Gemeinschaft im Burgund, die ich aus eigener Erfahrung gut kenne und sehr schätze.)


09. April: bleib zuhause

bleib zuhause

Aus dem Radio, der Zeitung und dem Fernsehen, auf der Autobahn und auf Plakaten lesen und hören wir den Aufruf ‚bleib zuhause‘. Es ist eine Empfehlung. Das Zuhause ist in dieser besonderen ‚Fastenzeit‘ 2020 aufgewertet worden. Ein Zeichen dafür sind die vielen Entrümpelungen, die stattgefunden haben. Das Zuhause pflegen ist angesagt. Damit wird es  zuhause gemütlich, geordnet und wohnlich.

Das Zuhause ist ein Begriff aus der äusseren sichtbaren Welt. Aber es ist mehrdeutig. Das Zuhause ist ein Bild für mein inneres Zuhause. Auch dort ist von Zeit zu Zeit entrümpeln und Pflege angesagt. Mein Inneres unterliegt immer wieder der Gefahr, mit allerlei Unrat, Gerümpel und wildwachsendem Gestrüpp überlagert zu werden. Bin ich nicht wirklich zuhause, fällt es nicht weiter auf, da ich abgelenkt bin. Aber zurückgeworfen auf das zuhause, kann es gut zum Vorschein kommen.

Wo bin ich zuhause? Und wie bin ich zuhause? – Als St. Galler weiss ich um Gallus. Er suchte einst ein zuhause für sich. Er wanderte von Arbon entlang dem Flusslauf der Steinach hinauf. An einer bestimmten Stelle blieb er an einem Dornenstrauch hängen und strauchelte. Das war für ihn ein höheres Zeichen. Er dachte oder vielleicht rief er es mit den Worten von Psalm 132 Vers 14 aus:
„Lass mich, hier ist meine Ruhestatt für alle Zeiten; hier will ich wohnen, weil ich sie erwählt habe.“

Gallus hatte sein Zuhause gefunden. Als Eremit lebte er in Stille und Zurückgezogenheit in sicherem Abstand von den nächsten Ortschaften. Diese Konzentration auf sein Zuhause war die Wurzel seiner Ausstrahlung. Diese hat sich in der Geschichte ausgewirkt bis zum heutigen Tag.

An diesem Beispiel können wir ablesen, dass der Aufruf ‚bleib zuhause‘ nicht einfach eine Einschränkung und Beschneidung des Lebens ist. Er kann dem Leben eine neue Tiefe verleihen.

Nochmals anders hat dies der Mystiker Angelus Silesius formuliert: „Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir: Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.“


03. April: eure Pläne sind nicht meine Pläne

Labyrinth von Chartres

Denn meine Pläne sind nicht eure Pläne und eure Wege sind nicht meine Wege, Spruch Gottes. Wie der Himmel höher ist als die Erde, so sind meine Wege höher als eure Wege und meine Pläne als eure Pläne.“

Jesaja 55, 8-9; Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache.

Gehen wir zurück zum Jahresbeginn 2020 und schauen im Geist unsere Agenden an. Die einen im digitalen Kalender, die anderen in ihrer Agenda auf Papier. Fein säuberlich sind da Termine eingetragen. Abmachungen im privaten Kreis, Geburtstage, Sitzungen im Verein, Veranstaltungen in der Stadt oder dem Dorf, spezielle Gottesdienste in der Gemeinde, Osterferien, Skitage in, Wellnesswochenende, Kurs… die Aufzählung ist leicht zu ergänzen.

Alles sah machbar aus. Alles war so geplant, dass die verschiedenen Termine einander nicht überschneiden. Manchmal kam der Gedanke, dass etwas gar viel in der Agenda steht. Aber es waren lauten gute Absichten und Pläne.

Dann kam das, womit wir nun alle betroffen sind. Die Agenda leerte sich Woche für Woche. Fast wurde das Wort ‚abgesagt‘ zum geflügelten Wort. Und es eröffneten sich ganze Zeiträume, Leerräume. Innerlich bedurfte es einer grossen Umstellung. Sich dagegen wehren hilft nicht, sich ärgern hilft nicht, die Arme hängen lassen hilft nicht, sich bedauern hilft nicht. Wie im Labyrinth von Chartres gab und gibt es neue unerwartete Wendungen. Aber – so lehrt das Labyrinth – der Weg führt unweigerlich weiter der Mitte entgegen – auch wenn es zeitweise unerreichbar weit entfernt scheint.

Ich füge das Gebet von Dietrich Bonhoeffer an.
Es formuliert die gegensätzlichen Befindlichkeiten und die Sicht von Gott her.

Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen
hilf mir beten und meine Gedanken sammeln;
ich kann es nicht allein
In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht
ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe
ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld
ich verstehe deine Wege nicht,
aber du weißt den rechten Weg für mich.
Vater im Himmel,
Lob und Dank sei dir für die Ruhe der Nacht
Lob und Dank sei dir für den neuen Tag
Lob und Dank sei dir für alle deine Güte und Treue
in meinem vergangenen Leben.
Du hast mir viel Gutes erwiesen,
lass mich nun auch das Schwere aus deiner Hand hinnehmen.
Du wirst mir nicht mehr auferlegen, als ich tragen kann.
Du lässt deinen Kindern alle Dinge zum besten dienen.

Dietrich Bonhoeffer, in: Widerstand und Ergebung.


31. März: Äskulapstab, eherne Schlange, Christus am Kreuz

Am heutigen Tag stellt die Leseordnung der katholischen Kirche den Text aus dem Buch Numeri zur Betrachtung vor (siehe unten). Eindrücklich wie das Volk in Freiheit lieber wieder unter die Sklaverei in Ägypten zurückkehren würde. Pilgerinnen und Pilger erinnern sich an ähnliche Aussagen bei Krisen unterwegs. Die Schlangenplage in der Wüste ist schrecklich und todbringend. Mose stellt eine Stange mit einer ehernen Schlange auf. Wer sie anblickt, bleibt am Leben.
Mir kommen zwei Assoziationen hoch: Vor der medizinischen Intensivstation beim Haus 01 am KSSG stand bis zum Baubeginn für die Neubauten ein grosses Kunstobjekt. Es zeigte den sogenannten Aeskulapstab mit der Schlange, 1990 geschaffen vom Bildhauer Roland Lüchinger. Die zweite Assoziation ist Christus am Kreuz. Asklepios war gemäss der griechischen Mythologie der Gott der Heilkunde. Er soll die Chirurgie und Medizin beherrscht haben. Patientinnen und Patienten wurden zum Heilschlaf in seinen Tempel gebracht. Er wird mit einem Stab abgebildet, der von einer Heil-Schlange umwickelt ist.
Im Alten Testament gibt es die Geschichte vom Volk Israel in der Wüste. Es heisst dort:

„Das Volk aber verlor auf dem Weg die Geduld, es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung. Da schickte der HERR Feuerschlangen unter das Volk. Sie bissen das Volk und viel Volk aus Israel starb. … Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Stange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.“

Buch Numeri, Kapitel 21, 4-9

Die Entwicklung dieses antiken und alttestamentlichen Motives geht bis zu Christus am Kreuz. Die Stange wird zum Kreuz, wie es im Bild unten schon Julius Schnorr in seiner Bibel andeutet. Christus ist das Heil für die Menschen. Wenn wir die drei Bilder zueinander in Verbindung bringen, erhält die Darstellung von Christus am Kreuz eine Tiefendimension. Er ist die heilbringende ‚Medizin‘ für uns Menschen. Er ist der rettende Halt und Fixpunkt, wenn rundherum ‚todbringende Schlangen‘ drohen und zubeissen.
Es ist schön zu wissen, dass das Kunstwerk mit dem riesigen Aeskulapstab nun beim evangelischen Pflegeheim Bruggen einen neuen Platz gefunden hat. Vielleicht hilft es auch dort, eine Brücke zu Christus am Kreuz zu bilden. Dieses wird in der Karwoche insbesondere am Karfreitag im Zentrum der Betrachtung stehen.
Wer Christus in den Blick nimmt, wählt das Leben.


28. März: im gleichen Boot durch den Sturm

Im Spitalseelsorge-Alltag kam mir bei Begegnungen mit Patientinnen und Patienten immer wieder die Geschichte vom Sturm auf dem See in den Sinn. Vor allem, wenn es um Situationen ging, wo ein Schicksalsschlag über jemanden herein brach, unvorhergesehen und unvermittelt.
Die Geschichte spricht mich mit verschiedenen Elementen an. Ich verbinde sie mit der jetzigen Zeit der Corona-Krise.
Hier nun vorerst der Text aus dem Markusevangelium 4, 34-40; Parallelen in Matthäusevangelium 8, 23-27 und Lukasevangelium 8, 22-25

„Am Abend jenes Tages sagte er zu ihnen: „Lasst uns ans andere Ufer fahren.“ Sie schickten die Volksmenge weg und nahmen ihn so, wie er war, im Boot mit. Weitere Schiffe begleiteten das Boot. Da kam ein heftiger Sturmwind auf, und die Wellen schlugen ins Boot, so dass es voll Wasser lief. Jesus lag im Heck und schlief auf einem Kissen. Sie weckten ihn und riefen: „Lehrer, machst du dir keine Sorgen, das wir dabei sind unterzugehen?“ Der Aufgeweckte drohte dem Wind und sagte zum See: „Schweig! Sei still!“ Da legte sich der Wind, und es wurde völlig still. Er fragte sie: „Was fürchtet ihr euch? Habt ihr noch kein Vertrauen?“ (Übersetzung Bibel in gerechter Sprache)

(Übersetzung Bibel in gerechter Sprache)

Die Jüngerinnen und Jünger haben zusammen mit ihrem Meister Jesus einen vollen Tag hinter sich. Der Vorschlag, sich von der Menge der Leute zu trennen und auf der anderen Seeseite Ruhe zu finden, kam gut an.
Plötzlich kommt ein schwerer Sturm auf.
Das Unvermittelte und Unerwartete unterbricht die ruhig dahinfliessende Routine. Nichts ist mehr da von Gemächlichkeit. Die Kontrolle über den Weg geht verloren. Gerade war es noch völlig klar, dass diese Überfahrt funktioniert. Der Sturm lässt diese Klarheit verblassen. Plötzlich geht es um das Leben und Überleben.
Jesus schläft im Heck.
Eine Krise wie sie mit dem Corona-Virus Novid-19 ausbrach, schlägt hohe Wellen. Sie überflutet das Boot, in dem wir alle sitzen. Ängste kommen hoch. Wer kann da noch helfen? – Die verschiedenen Länder hören plötzlich aufmerksam auf ihre Regierungen. Diese wiederum auf Experten. Aber es ist allen klar, dass auch diese Stimmen und deren Maxime die Krise nicht einfach beenden können. Es wird eine Ebene höher geschaut. Gebete werden gesprochen, Gott um Hilfe angefleht. Und einigen wird es wie den Jüngerinnen und Jüngern im Boot ergehen: wie kann da unser Meister schlafen?
Er schläft, aber er ist auf der Fahrt dabei. Ein starkes Bild: Jesu oder Gottes Wirken ist nicht mit Ohren und Augen zu hören und zu sehen. Aber er lässt sich rufen. Er ist da, er ist im Sturm dabei.
Wo ist euer Vertrauen?
Diese Frage bringt Ruhe in die stürmische Szene. Der See beruhigt sich – sprich: die Ängste der Jüngerinnen und Jünger legen sich wie die Sturmwellen. Das Vertrauen ist grundlegend in einer solchen Situation. Im Griechischen ist das Wort Vertrauen dasselbe wie für Glauben.
Für die gegenwärtig stürmische Zeit kann dies heissen: es gilt weiter zu rudern; es gilt den Sturm zu bestehen; es darf um Hilfe gerufen werden, damit das erschütterte Vertrauen neu gestärkt wird.
Was zählt im Leben?
In allem werden verschiedene Fragen weiter einer Antwort harren: Was ist wirklich wichtig im Leben? Hören wir auf Hilferufe von Menschen in Not? Überlassen wir andere sich selbst oder rudern wir gemeinsam?

Papst Franziskus hat am Freitag 27. März ein Gebet vor dem Pestkreuz in Rom gehalten und mit dem Segen ‚Urbi et Orbi‘ – der Segen über die Stadt und die Welt – abgeschlossen. Dazu gehörte auch eine Ansprache zu dieser Bibelstelle.
Darin gibt es ein paar sehr bedenkenswerte Passagen:

„Wie die Jünger des Evangeliums wurden wir von einem unerwarteten heftigen Sturm überrascht. Uns wurde klar, dass wir alle im selben Boot sitzen, alle schwach und orientierungslos sind, aber zugleich wichtig und notwendig, denn alle sind wir dazu aufgerufen, gemeinsam zu rudern, alle müssen wir uns gegenseitig beistehen.“ 

„Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben.“ 

„In unserer Welt, die du noch mehr liebst als wir, sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen lassen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden.“ 

der Papst alleine im Gebet – er stellt die Einsamkeit vieler Menschen dar angesichts von Krankheit und Tod – aber auch die Zuversicht im Gebet und Segen

Die ganze Ansprache ist mit Video und Text hier veröffentlicht.


23. März: Freiheit – neu entdecken

Die Einschränkungen in der Zeit von Corona lassen uns erkennen, was Freiheit ist. Die Freiheit, unbeschwert ins Freie zu treten, sich mit Freundinnen und Freunden, mit der Familie, mit der Gottesdienstgemeinde zu treffen – all das haben wir bis zu diesem März als selbstverständlich angesehen.
Zuhause bleiben beinhaltet eine Einschränkung, aber auch die Chance, sich ganz zuhause zu fühlen. Es gibt keinen Ruf, das Zuhause zu verlassen, keine Versammlung, kein kultureller Anlass, keine Sitzung. So wird aus der Einschränkung eine Freiheit.
Das äussere Wahrnehmen von Freiheit macht darauf aufmerksam, dass es auch eine innere Freiheit gibt. Sie kann durch keine äusserlichen Barrikaden eingeschränkt werden. Das Innen ist frei. Es kann geschehen, dass man beides verwechselt. Es kann sein, dass man gar nicht bemerkt, dass es diese innere Freiheit gibt, obwohl sie da ist.
Der Video vom Kondor, der nach langer Zeit der Unfreiheit in die Freiheit entlassen wird, ist ein wunderbares Bild dazu. Zögern, sich umschauen, die Bestätigung erhalten, dass es so ist, die Schwingen ausbreiten, wieder zusammenfalten, den Kopf erheben, ihn wieder etwas fallen lassen – bis der Moment da ist, die Schwingen ganz auszubreiten und zu fliegen…… ich empfehle, den Video in Ruhe und ganz zu betrachten. Für mich eine eindrückliche Meditation über die innere Freiheit.

Der Ewige ist Geistkraft, und wo die Geistkraft des Ewigen ist, da ist Freiheit.

2 Korinther 3, 17 – Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache.

21. März: „da ist ein Spalt, durch den das Licht einfällt“

Leonard Cohen singt dieses Lied in Zeiten von Dunkelheit und Schwierigem. So passt es auch in diese schwierige Zeit. „Läutet die Glocken… es ist ein Riss in allem. Da ist ein Spalt, durch den das Licht einfällt.“
Wenn heute die Glocken den Sonntag einläuten werden, verkünden sie auch diese Zuversicht. Sie lassen einen grossen Segen über allem Leiden und aller Unsicherheit erklingen.


17. März: Silja Walter’s Gottrede

Podcast einer besinnlichen Lesung im Dom von St.Gallen mit Texten von Silja Walter – gehalten von Ulrike Wolitz, Herausgeberin der Schriften von Silja Walter, Benediktinerin im Kloster Fahr. Link zum Podcast. Dauer: ca. 60′. Zwischenspiel an der Orgel Willibald Guggenmoos. Einführung: Hildegaed Aepli.


16. März: der heilige Rochus und die Pestzeit

Rochus aus Montpellier an der Via Tolosana

In diesen Tagen, die vom Covid-19 Virus geprägt sind, kam mir die Erinnerung an den heiligen Rochus hoch. Warum?
Rochus begab sich von Montpellier in Südfrankreich aus auf eine Pilgerreise nach Rom. Die Pest war ausgebrochen.

In den Jahren zwischen 1358 bis 1361 starben allein in Montpellier täglich rund 500 Personen an der Pest!

Auch Rochus soll seine Eltern mit 17 Jahren verloren haben. Rochus begann, Pestkranke zu pflegen und auch zu heilen. Dabei wurde er selber krank. Da er sich der Armut verschrieben hatte, nahm ihn kein Spital auf. Er zog sich in einen Wald zurück um zu sterben. Dort aber brachte ihm ein Hund das täglich nötige Brot und leckte seine Wunden. Später wurde er geheilt. Wieder auf dem Weg kam er in Kriegswirren hinein und wurde als Spion verdächtigt. Fünf Jahre verbrachte er in Gefangenschaft ohne sich zu erkennen zu geben. Er war als Pilger gekleidet. Er verstarb und hatte sich kurz vorher dem Priester zu erkennen gegeben.
Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon

Wer schon auf dem Jakobsweg in Frankreich oder Spanien unterwegs war, traf in vielen Kirchen und Kapellen den heiligen Rochus an. Er wird auf den ersten Blick gleich wie der hl. Jakobus der Ältere, der Patron des Jakobsweges, dargestellt. Mit Pilgerhut, Jakobsmuschel, Kalebasse und langem Mantel.
Aber mit zweitem Blick ist zu erkennen, dass er mit einer Hand den Mantel hochhält. Damit wird die Pestwunde am Bein sichtbar. Dazu ist fast immer auch ein kleiner Hund abgebildet, der ihm zu Füssen steht.
Französisch heisst der Heilige Saint Roch, auf Spanisch San Roque, auf Italienisch San Rocco. Auf der Via Podiensis ab Le Puy-en-Velay steht in Montbonnet die Chapelle St. Roch. Nach der Domaine du Sauvage steht am Weg ebenfalls eine Kapelle St. Roch. In der Schweiz ist er eher im französisch-sprachigen Teil bekannt. Eine ihm geweihte Kapelle steht in Lausanne.

Was spricht mich aus diesen Schilderungen über Rochus an?

Aufgrund der Situation in verschiedenen Ländern, wo der Corona-Virus um sich greift, steht das alltägliche Leben still. Fast alles ist geschlossen. Die Leute, die über 65 Jahre alt oder gesundheitlich beeinträchtigt sind, müssen zuhause bleiben. Nicht einen Tag, sondern eine ungewiss lange Zeit von einigen Wochen. Die Ansteckungsgefahr liegt in der Luft, respektive dort, wo Kontakte mit anderen Menschen gepflegt werden. Wir finden dies ziemlich schlimm. Und es ist schlimm und wird auch für die Gesellschaft weitreichende Folgen haben, wirtschaftlich und sozial. Stellen wir uns aber die Pestzeit vor Augen, haben wir es geradezu sehr gut. In Montpellier starben 500 Menschen täglich! Niemand konnte wissen, ob man selber angesteckt ist oder nicht. Es gab fast kein Entrinnen. Ich stelle mir dies sehr schrecklich vor. Was haben da die Menschen einige Generationen vor uns durchgemacht!
So gesehen, geht es uns auch mit Corona-Virus gut. Aber es hilft uns, ein bisschen zu erahnen, was damals geschah.

Rochus als Pilger

Rochus war ein Pilger. Er liess sich auf der Pilgerreise von der Not ansprechen und tat, was er konnte. Er pflegte Kranke und setzte sich damit der Gefahr der Pest aus. Das Gute zu tun im Dienst der Mitmenschen war ihm wichtig. In dieser Richtung sind auch heutige Pflegende und die Ärztinnen und Ärzte zu betrachten, die in Spitälern, Heimen und Kliniken alles tun, damit es den Patientinnen, Patienten, Klientinnen und Klienten gut oder besser geht. Rochus ist für sie ein leuchtendes Beispiel.

Rochus als Gläubiger

Rochus war ein gläubiger Mensch. Er war im Dominikanerorden von Montpellier ausgebildet worden. Sein Glaube war nicht eine private, persönliche Angelegenheit. Dieser war seine Basis und Inspiration zum Handeln. Damit fordert er heutige Gläubige heraus. Die Seelsorgenden in den Institutionen von Spital und Heimen, aber auch die Seelsorgenden in den Gemeinden können sich an seinem Beispiel orientieren und ermutigen lassen. Aber auch die sogenannt ‚Normalgläubigen‘ können an Rochus ablesen, was Glaube meint.

Josef Schönauer, pilgern.ch
16. März 2020


13. März: die Wurzeln am Wasser

„Gesegnet ist jede Frau und jeder Mann, die auf Gott vertrauen und deren Rückhalt Gott ist. Sie sind wie Bäume, am Wasser gepflanzt, zum Wasserlauf strecken sie ihre Wurzeln hin. Dass Hitze kommt, fürchten sie nicht, sie behalten ihr Laub. Auch in einem Dürrejahr sind sie ohne Sorge, sie hören nicht auf, Frucht zu tragen.“
Jeremia 17, 7-8. zitiert nach: Bibel in gerechter Sprache.

Ein kräftiger Aufruf, seine Wurzeln zu pflegen, damit sie mit frischem Wasser versorgt bleiben. Damit ist eine ‚Dürrezeit‘ respektive eine Krisenzeit zu überstehen.


09. März: Anselm Grün: eine Herausforderung

Anselm Grün formuliert Gedanken zur Krise rund um den Corona-Virus. Die Krise fordert zum Nach-Denken heraus. Text

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