
Die IG Swiss-Pilgrimways mit ihrem Stand an der Pilgermesse vom 21. Februar 2026 in Hamburg
Freitag 20. Februar: Symposium 10-17 Uhr
„Glaube to go? Pilgern zwischen Kommerzialisierung und heiligen Erfahrungen“
Das Symposium in der Hauptkirche Trinitatis war vollgepackt mit Gedanken und Ausführungen zum Pilgern. Zuerst trat die Pilgerikone Prof. Dr. Klaus Herbers auf, bekannt durch seine Forschungsarbeiten zum Jakobsweg und zum Pilgern ab dem Mittelalter.
Overtourismus ?
Klaus Herbers stellte Ausführungen zum Stichwort «Overtourismus» vor. Wie in anderen Publikationen zu diesem Thema unterschied der Referent nicht zwischen Touristen, die nichts mit dem Pilgern am Hut haben, sich aber durch Santiago tummeln, und den wirklich Pilgernden.
Meine Anmerkung dazu:
Im Nachgang der Pilgermesse fand ich eine Statistik, die für das Jahr 2024 veröffentlicht wurde: sie besagt, dass in Galicien mit der wichtigen Stadt Santiago 13 Millionen Übernachtungen registriert wurden. Im Vergleich dazu ist die Zahl von ½ Mio. Pilgernden nicht gerade herausragend.
Ich sprach Hr. Herbers nach seinem Vortrag darauf an. Er meinte nur, man könne nicht unterscheiden, wer Tourist und wer Pilger sei.
Im Referat hatte er davor gewarnt, im Juli und August wegen hohen Pilgerzahlen in Spanien zu pilgern.
Meine Anmerkung dazu:
Die Statistik des Pilgerbüros Santiago besagt aber, dass seit einigen Jahren der Monat Mai am meisten frequentiert ist. (www.pilgern.ch/jakobsweg/statistik)
Es ist gut, wenn wir immer wieder auf die wirklichen Zahlen aufmerksam machen und die Statistiken interpretieren und differenzieren. Ich beobachte, dass es viele deutschsprachige Zeitungsartikel gibt, die von einem «Overtourismus» in Santiago berichten und zur Illustration eine Schar Pilgernde beifügen. Ich meine, dass dies dem Ruf der Pilgerwege durch Spanien ungerechtfertigt schadet.

Pilgerpastor Frank Carpa (Mitte) moderiert die Vorträge mit dem Duo Theresa Seiter und Markus Poschlod vom Podcast «Der Camino Podcast – Pilgern auf dem Jakobsweg»
Aus den anderen Vorträgen sind mir drei Punkte aufgefallen:
- Prof. Dr. Julia Knoll machte auf das Buch von Kristian Fechtner: «Mild religiös. Erkundungen spätmoderner Frömmigkeit» Kohlhammer 2023 aufmerksam.
Er geht verschiedenen Beobachtungen nach. So z.B., dass viele Menschen in Kirchen eine Kerze anzünden (dazu passt der Bericht vom Dom St. Gallen, dass im Jahr 2025 ein neuer Rekord mit 200’000 verkauften Kerzen registriert wurde.), dass sie im Urlaub Kirchen besuchen, im Spital Engel bei sich haben. Auch das Phänomen des neu belebten Pilgerns zählt er dazu.
Dies im Gegensatz zur oft beklagten «nicht mehr Religiosität» heutiger Menschen. In anderen Referaten wurde die Bezeichnung von «mild religiös» als zu «soft» bezeichnet. Ich finde diesen Ansatz trotzdem wertvoll und hilfreich, gerade auch, um das Phänomen Pilgern zu deuten. - Die Moderation zwischen den Vorträgen würde durch Theresa Seiter und Markus Poschlod übernommen. Sie geben den erfolgreichen Podcast zum Pilgern unter dem Titel «Der Camino Podcast – Pilgern auf dem Jakobsweg» heraus.
- Der letzte Bericht stammte von einem Religionslehrer, der mit GymnasiastInnen 1 Woche auf dem Camino del Norte pilgerte. Die dabei gewonnenen und schriftlich formulierten Erkenntnisse der Jugendlichen beeindruckten das Publikum sehr. Die begeisterte Schilderung erinnerte mich stark an meine erste Pilgerreise nach Santiago mit 30 Jugendlichen im Jahr 1989, die zum Grundstein meiner Faszination am Pilgern wurde.
Nachtessen mit den Ausstellenden

Nachtessen der Ausstellenden in der ASTRA Brauerei St. Pauli an der Reeperbahn
Um 19.30 Uhr waren die Ausstellenden gegen Anmeldung zu einem Nachtessen in der ASTRA St. Pauli Brauerei an der Reeperbahn eingeladen. Mit rund 100 Gästen kamen weit mehr als angemeldet waren, was das Restaurant mit den vielen Plätzen trotzdem schaffte. Es war eine wertvolle Art der Begegnung unter den Ausstellenden, die während der Messe nicht gut möglich ist.
Samstag 21. Februar Pilgermesse – Ausstellung
Die eigentliche Pilgermesse fand in zwei Kirchen statt: Hauptkirche St. Katharinen und Hauptkirche St. Petri statt. Sie liegen ungefähr 10-15 Minuten auseinander. Die Workshops fanden in der Kirche St. Petri statt.

Die Pilgermesse wurde um 11 Uhr durch einen festlichen Pilgergottesdienst in der Hauptkirche St. Katharinen eröffnet. Die Orgel spielte zum Einzug die Jakobushymne (M.Soler: himno al Apóstol Santiago), die in Santiago jeweils zum Schwingen des Botafumeiros (riesiges Weihrauchfass) gesungen wird. Ein bewegender Moment für Viele. Die Kirche war bis zum letzten Platz belegt. Eine erwartungsvolle frohe Stimmung herrschte.
Um 12 Uhr startete die Ausstellung mit den rund 60 Ständen. Wir hatten schon ab 8.30 Uhr begonnen, unseren Stand an zwei Tischen aufzustellen. Mit Improvisation und gegenseitiger Hilfe schafften wir einen gemeinsamen Schweizer-Auftritt der Mitglieder IG Swiss-Pilgrimways.
Zu sehen waren die Rollups von Camino-Europe.eu, Jakobsweg.ch, die Freunde des Jakobsweges Schweiz und Via Francisca, ein Plakat vom Pilgerzentrum Zürich sowie Flyers, Unterlagen und Give-aways zum Rollstuhlweg vom Pilgermischa, von pilgern.ch, von den Pilgerherbergen Sankt Gallen, Brienzwiler und El Jire in Montpreveyres, vom Verein Jakobsweg Graubünden, zum Jakobsweg Südtirol, zum Kolumbansweg und den Jugendherbergen Schweiz. Die Schweizer Flagge im Hintergrund sowie die T-Shirts mit Schweizer-Kreuz sowie den Käse-Hüten, trugen dazu bei, dass die Schweizer Pilgerszene nicht zu übersehen war.

rund 2500 Besuchende wurden an der Pilgermesse registriert
Permanent kamen Besucherinnen und Besucher zu unseren Tischen. Erstaunlich oft konnten wir hören, dass jemand schon durch die Schweiz gepilgert ist oder dass ein Plan besteht, durch die Schweiz zu pilgern. Dabei kam interessanterweise keine Klage über hohe Preise auf. Der Weg wurde sehr gerühmt.
Solche, die noch nie in der Schweiz pilgerten, sprachen oft die beiden Themen «gebirgige Wege» und «hohe Preise» an. Der Hinweis per QR-Code auf günstige Unterkünfte mit Listen von Privatunterkünften und Herbergen wurde gut aufgenommen. Ebenso gab es einige, die bereits in einem Vorjahr am Stand vorbeikamen.
Ich konnte nicht erfragen, ob sie davor den Newsletter von camino-europe.eu gesehen hatten. Die Gespräche gingen dafür zu schnell oder zu konkret. Vielen Dank an Erwin Dubs für sein Engagement via Newsletter von Camino-europe.eu!
Um 16 Uhr wurde die Ausstellung beendet. Nach einem Schluss-Segen ging es in schnellem Tempo an den Abbau der Stände.
Sonntag 22. Februar
Gottesdienst um 11 Uhr in der Hauptkirche St. Jacobi.
Bei der Ausschreibung der Pilgermesse ging dieser Gottesdienst wie schon in anderen Jahren etwas unter. Die Besuchenden waren mehrheitlich Leute, die an der Pilgermesse teilnahmen – sowohl Ausstellende wie Besuchende.

Pilgermotiv an einem Chorfenster der Kirche St. Jacobi Hamburg: die Emmausjünger
Der Gottesdienst bezog sich auf das Symposium und die Pilgermesse und stand unter dem Motto «Pilgern heisst nach Hause gehen…». Bei der Begrüssung wurden auf Englisch Leute aus Frankreich, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland sowie aus der Schweiz begrüsst. Der Liturgie stand der Pilgerpastor Frank Karpa von Hamburg vor. Die Predigt auf Deutsch hielt der Pilgerpastor Christian Kjaer Bjerre aus Dänemark.
Ich empfand diesen Gottesdienst wie schon in den Vorjahren als sinnreichen und passenden Abschluss der Pilgermesse.
Aus dem Gottesdienst nehme ich die genannten Stichworte zu einer (skandinavischen) Pilgertheologie mit – wobei ich nicht glaube, dass eine skandinavische Pilgertheologie anders ist als in der Schweiz….
Die Stichworte sind: Langsamkeit – Freiheit – Schlichtheit – Stille – Spiritualität – Gemeinschaftsgeist – Gelassenheit – Gastfreundschaft.
Beim anschliessenden Kaffee mit Kuchen konnte ich in aller Ruhe mit einer finnischen Pilgerbeauftragten sprechen, was während der Messe nicht möglich war. Sie ist Managerin für das Pilgerzentrum, das seit 2021 von der evangelisch-lutherischen Kirche gemeinsam mit der Stadt Turku betrieben wird.
Nach der Pilgermesse
Ein pilgerähnliches Erlebnis hatte ich am Sonntagabend. Auf dem Weg zu einem Konzert besuchte ich ein türkisches Restaurant für ein Abendessen. Mir fiel auf, dass manche Tische mit Essen reichlich aufgedeckt waren, aber niemand zu essen begann. Das Rätsel lüftete sich, als per Radio ein Muezzin mit einem Gebet zu hören war. Danach begann das Essen. Ich hatte zufällig – wie es beim Pilgern oft geschieht – das Aufheben des Fastentages im Ramadan miterlebt. Erfüllt von vielen positiven Eindrücken und Begegnungen schaue ich auf diese Pilgermesse zurück und bin dankbar nach Hause gefahren. Es ist ein ähnliches Gefühl wie nach einer Pilgerreise.


