06. – 16. Juli: Logroño – Sahagún
Mi 06. Juli 22: 23. Pilgertag Logroño – Nájera, ca. 28 km
Beim Weiterpilgern kommt die Frage hoch: Für was eigentlich? – Die Frage bleibt bis abends bestehen und ich sie nicht beantworten. Vorerst keine Pilgerkontakte auf die ich mich nach der langen einsamen Reise auf dem Camino Catalán gefreut hatte.
Am Ende von Logroño kommt ein schweres Gewitter. Ich rette mich auf einen Kinderspielplatz und sitze in der kleinen Hütte über einer Rutschbahn im Trockenen. Dort warte ich bis der Regen aufhört.
Es folgt die wunderbare Gegend der Rioja mit den vielen Rebbergen. In Nájera sehe ich das freistehende Tor auf einem Park. Einst ging ich mit einer Pilgergruppe durch dieses Tor. Das Motto war damals durch Tore zu neuem Leben.
Ich übernachte in der Herberge am Ende des Dorfes und bin vorerst alleine dort. Dann trudeln andere herein: Susanne, Kevon, Estella. Cenca aus Ungarn mit dem schmerzenden Knie, Sebastian aus Hongkong ebenfalls mit schmerzendem Knie und Maske auf dem Gesicht.
Do 07. Juli 22: 24. Pilgertag Nájera – Santo Domingo de la Calzada, ca. 21 km
Ich stehe auf, während die anderen noch schlafen. Ein wunderbarer Morgen. Ich freue mich auf Santo Domingo de la Calzada. Telefon mit Radio Maria, das etwas von meiner Pilgerreise mitbekommen möchte. Es folgen erste Gespräche mit Pilgernden. Elisabeth schickt mir einen schönen Text.
Heute kommt eine erste Antwort auf die gestrige Frage „für was eigentlich?“: Freude am Leben.
Ein schöner Text von Augustinus über die Schönheit der Schöpfung.
In Santo Domingo steige ich auf den Kirchturm erstmals. Eine wunderbare Aussicht über die Stadt und über die Landschaft rundherum. In der Kirche beobachte ich die Hühner und den Hahn. Ich kann ihn tatsächlich filmen wie er kräht.
Aus der Herberge kann ich direkt zum Hühnerstall blicken, worin die Reservehühner gehalten werden. Sie werden nach ein paar Tagen ausgetauscht, damit sie nicht zu lange in der Kirche ohne Sonnenlicht leben müssen.
Fr 08. Juli 22: 25. Pilgertag Santo Domingo de la Calzada – Belorado, ca. 22 km
Ich bin spät aufgestanden. Ein weiterer schöner Tag folgt. Es ist kalt. Ich bin alleine gegangen. Es folgen mir vertraute Orte wie Grañon, Redecilla del Camino.
In Belorado gehe ich in die Schweizer Herberge. Dort arbeitete ich 1988 zwei Wochen lang als Hospitalero. Ich fühle mich daheim und zugleich fremd. Irgendwie löse ich komische Reaktionen aus. Weiteres Telefonat mit Radio Maria über meinen Weg.
Sa 09. Juli 22: 26. Pilgertag Belorado – Agés, ca. 31 km
Die weiteren Dörfer am Weg kommen mir seltsamerweise unbekannt vor. Hingegen ist mir der Weg durch die Wälder in Richtung San Juan de Ortega wieder vertraut. Am Kloster ist die Bronzeskulptur mit den Emmausjüngern angebracht. Jesus ist als Mitpilger mit Muschel an der Pilgertasche dargestellt.
Ich pilgere weiter bis Agés, einem kleinen Dorf mit Herberge. Die mir langsam bekannten Leute am Weg versammeln sich an einem grossen langen Tisch im Freien zum Abendessen. Mir kommt dies wie das „Letzte Abendmahl“ vor – oder wie der Tisch am himmlischen Hochzeitsmahl. Einfach eine gute Erfahrung mit Leuten aus verschiedensten Nationen, die je für sich alleine unterwegs sind – sich hier aber zu einer Weggemeinschaft zusammengeschlossen haben.
So 10. Juli 22: 27. Pilgertag Agés – Burgos, ca. 22 km
Ich breche mit guter Stimmung auf. Vor Burgos umrundet der Weg ziemlich endlos den Flughafen und dann ca. 2 Std. gerade aus. – Früher nahm ich den Weg durch den Wald links und kam so direkt auf das Tor vor der Kathedrale hin. – Vorteil dieser Route: ich lief direkt in einen riesigen langen Umzug von Gigantes-Gruppen. Es war ein nationales Treffen solcher Gruppen.
Ich habe mir ein Zimmer gemietet – wieso weiss ich nicht mehr. Denn die Herberge lag knapp daneben und hätte bestimmt Platz gehabt. Die anderen von der Weggemeinschaft waren dort untergekommen. Sie traf ich wieder zum Abendessen im Freien.
Mo 11. Juli 22: 28. Pilgertag Burgos – Hornillos del Camino, ca. 26 km
Meine geliebte Meseta-Hochebene beginnt. Es wird heiss.
Die Jungen und die Familie aus Moudon ziehen weiter. Es ginge nochmals 10 km…
Die Leute in der Herberge sind zuerst unfreundlich, dann geht es. Es ist eine kühle Herberge: Albergue del Abuelo.
Di 12.07. 22: 29. Pilgertag Hornillos del Camino – Castrojeriz, ca. 20 km
Ich starte um 05:40 Uhr, mein Plan war 05:30.. Es ist sehr schön zu pilgern nach einer guten Nacht. Starker Sonnenaufgang – es ist kein Wunder, wurde die Sonne angebetet. In Hontanas sitzen die Jungen beim Frühstück. Unterwegs verabschiede ich Teresa aus Tschechien und Raquel aus Genf. Mit jedem Abschied gibt es einen Neuanfang. Vielleicht.
In Castrojeriz treffe ich auf eine Frau aus Deutschland, Petra. Soll ich weiter ziehen oder nicht – nein, ich bleibe in der Albergue comunal neben zwei Koreanerinnen. José ist Hospitalero und spendiert ein Glas Weisswein. Von Christian Rutishauser gibt es in einem Interview das Stichwort „Leben als Pilgerschaft“.
Es gibt Tage, da läuft es einfach. Ich habe mich auf alles am Weg eingelassen: Ausstellungen in zwei Kirchen, Meditationsraum mit Mia. Eine schöne Begegnung mit ihr in ihrem Haus, das sie als offenes Haus am Weg versteht und lebt. Ihr Atelier ist im Untergeschoss, oben Ausstellungen und ganz oben ein Meditationsraum. Sie hat eine Broschüre geschrieben über den „inneren Camino“. Sehr interessant und gut formuliert.
Cyrill hat ein kaputtes Bein. Er lief letztes Jahr mit der Asche seiner Mutter nach Slowenien 1000 km. Nun von der Region Freiburg bis Santiago.
Mia bittet mich, für sie in Santiago zu beten. Ihr Wunsch berührt mich sehr.
Zum Sonnenuntergang steige ich auf zum Burghügel. Eine wunderbare Aussicht hinüber zum Weg für Morgen, der auf den Alto de Mostelares führt. Von dort gibt es fast in jedem Buch oder Bericht über den Weg eine Foto.
Mi 13.07. 22: 30. Pilgertag Castrojeriz – Fromista, ca. 25 km
Ich hatte eine schlaflose Nacht. Bin lange draussen gewesen, weil es in der Herberge sehr heiss war. Obwohl mir ein Ventilator direkt zu den Füssen gestellt wurde und über mir ein Fenster offen stand. Ich startete um 05:15 Uhr noch im Dunkeln. Bei der Passhöhe „Alto de Mostelares“ war noch die Dämmerung. Eine Gruppe von schnatternden Frauen störte mich auf dem Weg hinauf. Ich hörte sie ständig und so auch ganz oben. Ich hielt es darum oben nicht aus und ging direkt weiter hinunter in die weite Ebene.
Hier kommen automatisch Erinnerungen an meine Töchter Judith und Franziska. Sie waren als Kinder bei einer Gruppenpilgerreise dabei. Am Morgen las ich aus einem mittelalterlichen Bericht vor, wie Menschen auf dieser Strecke verdursteten. Die Beiden verloren von hinten den Sichtkontakt über die Felder und bekamen es mit der Angst zu tun. Das tat mir damals sehr leid. Ich hatte sie von vorne schon im Blick gehabt.
Lange Wege schliessen sich an. Es kommt mir heute anstrengend und heiss vor. Ich bin froh, im Fromista ein Hostel zu haben, das ich spontan gefunden habe. Es fliegen ganze Schwärme von Spieren – Mauersegler. 2 Kirchen konnte ich anschauen. Ich ging früh ins Bett und beim Anruf von Elisabeth schlief ich schon.
Do 14.07.22: 31. Pilgertag Fromista – Carrión de los Condes, ca. 20 km
Matthäusevangelium 11: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ oder eine andere Übersetzung „ich will euch Ruhe verschaffen“.
In Villarmentero de Campos, ca. 10 km nach Fromista, folgt ein Interview mit Radio Maria. ich notiere mir davor ein paar Stichworte zu besonderen Erlebnissen auf dem Weg.
Mit verschlüsselten Foto-Botschaften mache ich Elisabeth auf unseren Hochzeitstag aufmerksam. Es dauert, bis sie die Zeichen versteht und freut sich dann sehr.
Anschliessend läuft es sich leicht und die Hitze drückt nicht. Lauter neue Pilger sind unterwegs. Die meisten legen grössere Etappen zurück, weshalb mich immer neue Leute einholen.
Dieses Jahr ist besonders, dass in jeder Kirche jemand anwesend ist und die Kirchen offen gehalten werden. Es ist eine Initiative des Staates, nicht der Kirchen …
Znacht esse ich mit einem TessinerJosef und Italienern: Fabrizio, Adalbert, Teresa …
Fr 15.07.22: 32. Pilgertag Carrión de los Condes – Ledigos, ca. 23 km
Ein schöner Sonnenaufgang zum Beginn der Etappe. Kein Pilger ist mehr im Dorf. Alle reden respektvoll von den 17 km ohne etwas… Einige starten mitten in der Nacht zwischen 02 und 05 Uhr. Es ist ein angenehmer Weg. Es gibt Pause bei einem Foodtruck – von wegen nichts auf dem Weg…
Mit Petra und Bets Gespräch über den Tod ihrer Mutter und meinen Vater, der im Frühling verstarb.
Unterwegs habe ich Kontakt mit meinem Vater.
Eine alte Herberge mit Pool. Ein unangenehmes Gefühl beim Znacht mit den Italienern. Später gibt es eine schöne Runde mit drei Frauen. Mit dieser Runde feiere ich den Hochzeitstag.
Gedanken zum Tag:
Alle ziehen ihres Weges, einige mit ernstem Gesicht, andere heiter und beschwingt, einige leiden an Schmerzen. Vorwärts. Wie lange ist jedem und jeder bestimmt und nicht voraussehbar. Sicher ist nur, dass alle auf den Tod hin unterwegs sind. Die Strecke bis dahin gilt es gut zu leben.
Sa 16.07.22: 33. Pilgertag Ledigos – Sahagún, ca. 17 km
Beim Aufbruch ist nur noch Elisabeth aus den USA im Hostal. Ich gehe beschwingt los, obwohl es recht warm ist. Unterwegs Gespräch mit Elisabeth in einer Kapelle vor Sahagún.
Hostal Via domus viatoris mit imposantem Eingang. Ausstellungen zu Virgen peregrina.
Der Abend mit Cyril, Petra, Bets und Renato ist gemütlich. Mittelaltermarkt mit Falken.
Sahagún wird als das geographische Zentrum des Camino Francés bezeichnet und ist entsprechend angeschrieben.
Es folgt eine schlimme Nacht wegen der Hitze ohne Aircondition.
So 17.07.22: Reisetag Sahagún – León, ca. 76 km
Ich reise per Bahn nach León. Es ist interessant zu sehen, wer sich alles am Bahnhof einfindet: Verletzte, Bequeme, Gehezte… Ich gehöre zu denjenigen mit knappem Zeitbudget.
In León beziehe ich ein wunderbares Hotelzimmer im Hotel Infantes de León. Ich besichtige die Kathedrale, die mir vor allem wegen der vielen farbigen Fenster in Blautönen gefällt. Um 12 Uhr ist eine Messfeier zum Sonntag. Dann bummle ich durch die Stadt. Plötzlich steht die Familie aus Moudon vor mir. Es gibt ein lustiges Beizenquartier, wo wir miteinander etwas genehmigen.
Ich treffe mich in der Herberge mit den Jungen: Teresa aus Tschechien, Cenca aus Ungarn, Nathalie aus den USA und Raquel aus Genf. Sie laden mich zu einem selbstgemachten Salat ein. Danach gibt es Abschiedsfotos. Es war sehr schön, diese Weggemeinschaft immer wieder zu erleben.
Meine Tochter Judith feiert Geburtstag auf Elba.
Mo 18.07.22: Reisetag León – Santiago de Compostela, ca. 320 km
Um genug früh in Santiago zu sein, wenn Elisabeth aus der Schweiz anreist, fahre ich an diesem Montag nach Santiago. Ich versuche es erstmals mit einer Blabla-Fahrt. Eine Sabrina meldet, dass sie diese Strecke fährt. Allerdings findet sie mich lange Zeit nicht. Sie wünscht immer wieder, dass ich per Natel den Standort durchgebe. Ich weiss noch nicht, wie das funktioniert und versuche es mit einer Schilderung. Irgendwann hält ein Auto an und es ist Sabrina. Ich hatte schon nicht mehr an dieses Treffen geglaubt.
Eine kurzweilige Fahrt beginnt. Es ist noch ein Mann als Passagier im Auto. Er stammt aus Venezuela.
Ich beziehe das Hostal Forest, ein alter Kasten. Ich habe Kontakt mit Caesar und Noella vom Pilgerbüro, mit Irmi und Rein von der Pilgerseelsorge, mit den Rest Rey und dem Hotel Costa Vella.
Etwas ist komisch: so lange war ich zu Fuss unterwegs, 33 Pilgertage. Dann ohne Abschluss und ohne Ankunft in Santiago. Deshalb ist es gut, wenn Elisabeth kommt und wir dann gemeinsam nochmals ankommen werden.


