40 Tage auf dem Jakobsweg

Impressionen meiner Pilgerreise
 von Lourdes nach Santiago und Finisterre
19. Juni bis 29. Juli 2006

 

Teil 4
Pilgerweg von León bis Santiago

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13.07.: León - Villar de Mazarife 19.07.: Triacastela - Sarria
14.07.: Villar de Mazarife - Astorga 20.07.: Sarria - Ventas de Narón
15.07.: Astorga - El Acebo 21.07.: Ventas de Narón - Arzua
16.07.: El Acebo - Cacabelos 22.07.: Arzua - Lavacolla
17.07.: Cacabelos - Ruitelán 23.07.: Lavacolla - Santiago
18.07.: Ruitelán - Triacastela 24.07.: Santiago
   
Teil 1 Anreise nach Lannemezan. Pilgerweg über Lourdes bis Oloron St.Marie
Teil 2 Pilgerweg von Oloron St.Marie über den Col du Somport bis Puente la Reina
Teil 3 Pilgerweg durch die Meseta von Burgos bis Leon
Teil 5 Pilgerweg von Santiago de Compostela nach Finisterre
   

 

Donnerstag 13.Juli:
León - Villar de Mazarife (24.3 km)

 

León ist die letzte grosse Stadt vor Santiago. Nun führt der Weg zuerst bis Astorga und von dort zur Anhöhe vom 'Cruz de Ferro' (1530 m). Die beiden letzten Passübergänge sind der Cebreiro-Pass (1330 m) und der Alto do Poio (1337 m). Galicien ist erreicht und Santiago de Compostela nahe.

 

ermita  Venusmuschel
Ermita Santiago beim Verlassen von Leon

 

Die Jakobsmuschel in einer anderen Funktion - hier auf dem
Werbeschild eines Schönheitssalons
Bodegas Eingang Bodega
Kamine von Bodegas - Weinkeller in der Erde

 

Eingang zu einer Bodega
Jakobus
moderne Wallfahrtskirche 'Virgen del Camino'

 

Jakobusfigur an der Kirchenfassade mit der
Jakobsmuschel als Gestaltungselement
Herberge Herberge
erste Herberge mit Liegestühlen vor dem Haus

 

drei Herbergen buhlen im Dorf um die Gunst der PilgerInnen

Aus dem Tagebuch vom Donnerstag 13. Juli 06
  ein Hospitalero als Heiler

Gegen Morgen schlafe ich unruhig und wache dann um 8 Uhr auf. Einräumen, aufbrechen, Rechnung bezahlen: allein das Telefonat von gestern kostet 33 Euros..., ein Mineralwasser 8 Euros! Aber - es war trotzdem gut, einmal im Parador zu logieren.

Beim Hinaustreten kommt eine Touristengruppe herein. Ein Mann fragt: So, in der Herberge gewesen?

Ich gehe ein kurzes Stück Weg und geniesse dann meinen Morgenkaffee mit Schockogipfel. Der Weg führt weiter nach Virgen del Camino, einem Vorort von León. Das kenne ich von früher und doch entdecke ich in der Kirche etwas Neues. Es ist eine Kapelle hinter dem Hochaltar. In einem Umgang ziehen dort die Leute vorbei und küssen ein Tuch, das aussieht wie ein Priestergewand. Dem Hirten Alvar Simón Fernández soll hier am 2. Juli 1505 die Gottesmutter erschienen sein. Die jetzige Kirche stammt von 1961. Sie ist an der Fassade mit den Apostelfiguren geziert, wovon Jakobus über und über mit Muscheln dargestellt ist.

Ich mache mich weiter auf den Weg, der als Variante bezeichnet wird. Viele Bodegas sind die Erde eingegraben. Nur Kamine schauen aus dem Boden.

Nochmals wird es mesetisch mit einem Weg durch viele Felder. Ich bin wieder mal ganz alleine unterwegs (es ist immerhin der berüchtigte Juli..). Schon länger machen Schriftzeichen für Herbergen Reklame. Drei Herbergen stehen in Villar de Mazarife zur Auswahl: San Antonio, Jesus und Tio Pepe. Ich habe genügend Energie, zuerst mal alle drei zu besuchen. Ich wähle dann die erste am Weg wegen den Liegestühlen im Freien. Bei Jesus hätte es einen Pool gehabt.

Einige Pilger wie François habe ich aus den Augen verloren. Andere sind wieder da wie die Spanierin in Blau, mit der ich schon öfter ohne irgendwelche Absprache in der gleichen Herberge übernachtete, das Holländerpaar, die junge Deutsche und andere.

Am Abend spielt der Hospitalero sein Heiler-Wissen aus und bringt eine Spanieren zum Schluchzen. Ich verstehe nicht genau, um was es geht. Der Hospitalero erklärt mir später, dass der Camino ihm zweimal das Leben gerettet habe.

Nach diesen Gesprächen laden mich die drei Spanierinnen zum Ausgang ein. Die blaue Frau heisst Rosa-Maria. Sie schaut im Garten-Restaurant  etwas für mich, was ich gerne über mich ergehen lasse...

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Freitag 14.Juli:
Villar de Mazarife - Astorga (31.1 km)

 

Weg in der Morgendämmerung

 

Sonnenaufgang am Weg
Puente del Orbigo

 

Rosa-Maria auf der Puente
Velofahrer Kreuz
für einmal kein Pilger

 

'An die Pilger nach Santiago' gerichtet vom Dorf
Villares de Orbigo
Knoblauch Pilgerskulptur
Festvorbereitung - Binden von Knoblaufzöpfen - in Villares del Orbigo

 

Pilgerskulpturen am Weg mit Bank für Picknick
nochmals mesetisch
nochmals eine schnurgerade Strecke zum Abschied von der Meseta

 

Blick aus der Höhe Gaudí
Wegkreuz über Astorga

 

der Bischofspalast von Gaudí in Astorga, in dem das Pilgermuseum
untergebracht ist
Yuko
internationale Begegnung am Weg - die japanische Yuko und
der italienische Amadeo

 

Platz in Astorga

 

Aus dem Tagebuch vom Freitag 14. Juli 06
  Lieder, Liebe, Leiden

Ich schlafe unruhig. Die Matraze ist so eine Badewanne, dass sie mich fast umhüllt. Um 6.15 Uhr sitze ich beim Morgenessen alleine mit Rosa-Maria. Ich bin nicht sehr gesprächig und deshalb wohl auch bald alleine am Tisch.

Aufbruch vor Sonnenaufgang. Es ist die letzte Meseta-Etappe, schade. Noch einmal geht es lange gerade aus. Wieder gurgeln Bewässerungsbäche entlang der Felder.

Es gibt die Stunde, wo ich lange laut und lauter Taizélieder vor mich hin singe. Es ist ein schönes Gefühl. In der Zwischenzeit ist der Pilgerpulk weg und ich bin wieder alleine auf dem Weg.

Auf einer Anhöhe treffe ich auf einen phantasiereichen Pilgerskulpturen-Bereich: La Cruz Valle. Ich halte dort auf einer Holzbank mein Mittagessen. Mit lauter kräftiger Stimme kommt eine junge Japanerin an. Sie ist sehr hübsch und heisst Yuko. Wir plaudern auf englisch. Sie geht dann weiter. Es folgen die drei Spanierinnen. Ich sitze immer noch auf der Bank und möchte sie fotografieren. Da ruft Rosa-Maria aus wie ein Rohrspatz, sie wolle keinesfalls fotografiert werden. Ich sitze da wie ein kleiner Verbrecher.

Sie hat mich stocksauer gemacht und ich merke, dass es gut ist, sie auf Abstand zu halten. Aus der Wut heraus entwickle ich eine Riesenschub und überhole bald einmal sowohl die Spanierinnen wie auch die Japanerin. Mich beschäftigt danach länger, was mich so wütend gemacht hat. Ich weiss es eigentlich bis jetzt nicht.

Im Dorf vor Astorga husche ich, ohne zurück zu blicken, in eine Bar. Yuko  kommt nach und fragt, ob es gut gehe. Sie möchte unbedingt ein Boccadillo (ein Sandwich) mit mir teilen. Wir sitzen an der Bar und plaudern.

Dann gehen wir gemeinsam bis nach Astorga. Dort möchte sie an einer Wegkreuzung stehen bleiben. Sie erwarte einen Pilgerfreund. Sie hatte schon von ihm erzählt. Er habe den gleichen Beruf wie ich: Spitalseelsorger. Eigenartig.

So gehe ich weiter nach Astorga hinein und beziehe das Refugio St.Javier.

Dort wird am Anschlagbrett eine Fussmassage angeboten. Ich beschliesse, eine solche in Anspruch zu nehmen. Für mich eine Premiere.  Beim Warten kommt das Holländerpaar dazu. Der Mann leidet stark an den Füssen. Die Frau meint, eine Massage könnte ihm helfen. Als der Mann mich darauf warten sieht, bekommt er den Mut, es ebenfalls zu wagen...

Die Masseurin redet zu meinem Erstaunen Schweizer Deutsch und trägt einen Ostschweizer Familiennamen. Ist das nicht eigenartig? Sie erklärt mir so etwas wie eine Typenlehre. Ich sei ein Feuertyp, kein Metalltyp wie die meisten Männer und - Frauen hätten sehr gerne Feuertypen... Die Massage tut wohl, die oft schmerzende rechte Ferse kann sich gut erholen. Erfrischt und mit neuen Erkenntnissen bereichert verabschiede ich mich und suche einen Platz zum Nachtessen.

In einem schönen Gartenrestaurant sehe ich in verschiedenen Tellern grillierte Poulets mit Patatas fritas, mmh! Ich weiss sofort, was ich will und setze mich an einen freien Tisch. Ein ganzes Poulet direkt aus dem Grill! Was gibt es Feineres! Dazu Rotwein.

Nicht lange geht es und ich sehe Yuko in sexy Kleidern zusammen mit einem Mann über den Platz schlendern. Sie kommen näher und setzen sich an einen der nächsten Tische, ohne mich zu bemerken. Das muss also der Pilgerfreund sein. Ich beobachte, wie sie miteinander in die Digitalkamera des Mannes schauen, schmunzeln, wieder schauen, die Köpfe nahe aneinander geneigt, versunken in gemeinsame Erinnerungen. Der Mann scheint mir sehr verliebt zu sein.

Später entdeckt mich Yuko und ruft mich zu ihnen an den Tisch. Nochmals will sie unbedingt teilen, diesmal von ihrer Pizza. Mein Bauch ist nun wirklich schön voll! Der Mann heisst Romano und ist ein Ordensmann. Wir arbeiten tatsächlich im gleichen Beruf. Es ergibt sich ein schönes Gespräch. Und doch: ich bin froh, nicht in Romano's Haut zu stecken. Denn was jetzt schön und vielleicht sogar wunderbar ist, wird sich bald in Leiden verwandeln, so befürchte ich. Aber vielleicht täusche ich mich auch.

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Samstag 15.Juli:
Astorga - El Acebo (40 km)

 

In Astorga herrscht schon eine Art Vor-End-Atmosphäre. Das nahende Santiago macht auch das Ende der Pilgerreise bewusst. Andererseits steigt die freudige Erwartung gegenüber dem, was noch kommen wird.
Ich freue mich auf den Etappenhalt in Foncebadón.

 

El Ganso  
Jakobskirche in El Ganso, wo der Jakobstag auch gefeiert wird

 

 
Maragatería Rabanal del Camino
Weg durch die Maragatería Eingang zum Dorf 'Rabanal del Camino'

 

Foncebadón Foncebadón
Blick zurück Richtung Astorga nach einem heftigen Gewitter

 

Ankunft in Foncebadón, das einst total verlassen war und heute
wieder leicht belebt ist. Zwei Herbergen laden ein:
nachdem ich mich schon eingerichtet hatte,
zog ich weiter - irgend etwas störte mich atmospärisch
Cruz de Ferro
Cruz de Ferro - das Eisenkreuz - einer der Höhepunkte am Weg,
wo die Pilger seit alters einen Stein ablegen

 

Cruz de Ferro am Abend des 15. Juli - kein Mensch weit und breit
Ausblick
Herrliche Ausblicke bieten sich beim anschliessenden Höhenweg

 

Ausblick über hohe Berge und tiefe Täler

 

Tomás
Die Hütten des 'letzten Templers' Tomás in Manjarín mit Herberge

 

vor El Acebo El Acebo
wieder mal ein Selbstporträt Blick nach El Acebo hinunter

 

 

Aus dem Tagebuch vom Samstag 15. Juli 06
  das zerfallene Dorf Foncebadón

Ich starte um halb 8 Uhr. Astorga hat mir sehr gut gefallen. Ich treffe vor der Herberge zwei offensichtlich neue deutsche Pilger. Wie sich herausstellt, sind es zwei Brüder. Sie tragen riesige Rucksäcke. Ich begleite sie aus der Stadt heraus und gebe ein paar Tipps zum Besten und beantworte ihre Fragen.

Die Strecke zieht bergwärts voran. Luxusmässig sind die Stundenhalte mit Bars belegt, sodass ich ausgiebig zu Getränken komme. Dann verabschiede ich die Deutschen mit Tipps zum Heimschicken von Sachen.

In El Ganso kann ich das erste Mal die Kirche betreten. Es ist eine Jakobuskirche. Eine ältere Frau erklärt mir Vieles und hält praktisch eine Privatführung für mich. Ob die Drehglocken nun nur beim Jakobusfest oder auch sonst mal läuten, blieb mir unklar. Der Jakobustag wird hier aber gefeiert.

In Rabanal del Camino treffe ich wiedermal auf François. Er sei auch in Astorga gewesen. In besuche die Herberge Pilar. Wenig Leute sind dort. Überhaupt: neuerdings wird von den Herbergsleuten um Pilgersleute geworben! Es gibt offensichtlich zu viele Herbergen. (im Sommer)

Auf dem weiteren Weg hole ich François wieder ein. Wir pilgern gemeinsam bis Foncebadón. Ich freue mich auf das Dorf und darauf, dort übernachten zu können, wo ich früher mal den Gedanken gehabt habe, eine Haus im verlassenen und verfallenen Dorf aufzubauen.

Lautstark kündet sich ein Gewitter an. Erste Tropfen und - fast romantisch - muss ich wieder mal meine Regenjacke auspacken. Bald fliessen ganze Bäche den Abhang herunter entgegen. Das Gewitter selbst zieht oben auf dem Berg vorüber. François meint, es sehe aus wie in der Bretagne bei einem Gewitter.

Eingangs des Dorfes fällt mir ein riesiges neuerbautes Haus auf, das beschriftet ist mit: 'Bio Tienda'. Ich schaue dort herein, laute Musik, keine Begrüssung, nichts. Hier also ist sicher nicht meine Herberge. So gehe ich doch zur Kirche, obwohl mich etwas von jener Herberge abhält. Ich schaue in die Restaurants nach bekannten Gesichtern. Keines da.

In der Kirchenherberge, die erst ein paar wenige Jahre existiert, gibt es exakte Befehle der Herbergsleiter: Schuhe hier, nein dort, nicht barfuss ins Zimmer... gut, gut. Der Hospitalero habe Arrés gebaut. Ob ich dort geschlafen habe, möchte er wissen.

Ich packe meine Sachen aus und liege ein wenig. Dann gehe ich meinen Hunger mit einem Salat stillen. Es stinkt beim Eingang zum Restaurant. Vor dem Bierhahn sitzt der offensichtliche Betreiber lustlos.

Wieder draussen bellen mich zwei Hunde an - seit langem sind es die ersten. Eine komische Stimmung ist hier. - Ich war schon 1989 in diesem Dorf. Damals war alles zerfallen, nur eine Frau lebte noch hier. In der Kirche logierten Kühe. - François kommt später dazu und meint, es sei zu spüren, dass hier Konkurrenz herrsche. Ich bin erstaunt und bestätigt zugleich, dass ich nicht alleine Negatives spüre. Zwei Frauen in langen Röcken, wohl sehr religiös, huschen mit Abfallkübeln herum. Viele Häuser sind neu aufgebaut. Die Kirche wurde leider zu einer Herberge umfunktioniert und ein Teil dient weiterhin als Kapelle. Aber das Ganze ist nicht gut gelöst.

Ich beschliesse kurzerhand, hier nicht zu bleiben. Gegen sechs Uhr packe ich meine Sachen und gehe weiter. Irgendwie kommt es mir plötzlich logisch vor, dass dieses Dorf einst zerfallen ist... Erleichterung beim Aufbrechen - erstaunte Gesichter in der Herberge. Es geht zum Cruz de Ferro.

Ausserhalb des Dorfes suche ich mir einen Stein. Er soll meine Trennung/Scheidung symbolisieren. Der erste ist zu klein. Ich nehme einen schweren Brocken, der passt. Mir kommt der Gedanke von Cordula Rabe in ihrem Pilgerführer: das Aufwiegen bei der Seelenwaage im Jenseits. Ich formuliere laut vor mich hin alle Gedanken: das Gute der gemeinsamen Zeit, die Schuld etc... Dies tut mir sehr gut und ich habe vor, den Stein beim Cruz de Ferro sorgfältig zu platzieren.

Oben angekommen sind gerade mal zwei Touristen dort. Eigentlich stellte ich mir vor, dass ich dort alleine sein werde (im Juli eine gewagte Vorstellung...). Nun sind die beiden Touristen für mich die Öffentlichkeit. Ich möchte den Stein nicht geheim ablegen, sondern es soll publik sein. Der Stein bekommt einen sehr guten Platz.

Dann eile ich weiter Richtung El Acebo. Die Landschaft ist wunderbar. Die Hügel und Täler sind kräftig im Abendlicht. Immer noch lebt der verrückte Tomas als der letzte Templer, wie er sich bezeichnet, in seiner Hütte mit total verrückten Utensilien rund ums Haus. Etwas später sehe ich zwei Frauen auf dem Weg, die ich schon früher angetroffen hatte. Um halb neun treffe ich in El Acebo ein.

Im Dorf wird mir eine winzige Herberge zugewiesen: das Casa José, passend wie ich meine. Unten ein Einzelzimmer in der Mitte ohne ein Fenster - da könnte ich nie freiwillig schlafen. Eine Wendeltreppe führt einen Stock höher, wo auf kleinstem Raum 6 Plätze bereit sind. Die beiden Frauen, die sich als Amerikanerinnen herausstellen, lagern auch dort. In dieser Herberge schlafe ich wunderbar.

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Sonntag 16.Juli:
El Acebo - Cacabelos (34 km)

 

Nach dem Niederlassen in Foncebadón nahm ich eine eigenartige negative Stimmung im Ort wahr. Ich beschloss kurzerhand, den Weg fortzusetzen und kam so spät abends nach El Acebo. Dafür lag das Tal schon morgens in Reichweite.

 

Kastanienbaum Gedenkkreuz
wuchtige Kastanienbäume am nächsten Morgen nach El Acebo

 

Immer wieder säumt ein Wegkreuz den Weg, das an einen
am Weg verstorbenen Pilger erinnert, hier vom Jahr 2005
Wegmarkierung Ponferrada
Wegmarkierung - immer weiter zieht der Weg Imposante Burganlage der Templer in Ponferrada.
Davor Mutter Sharon und Tochter Mary aus Amerika, die ich über viele Tage immer wieder antraf.

 

Gratisgetränk Cacabelos
Ein Glasfirma in Camponaraya hat für die Pilger einen Getränkeautomaten aufgestellt,
wo man gratis! Dosen beziehen konnte - wie ich gemerkt habe,
von fast niemandem bemerkt... Vielen Dank an die Firma 'Vitro Cristalglas!

 

kirchliche Herberge in Cacabelos - rund um die Kirche angelegt - 'zufällig' habe ich Laura aus Kanada fotografiert - sie lerne ich erst später kennen

 

Aus dem Tagebuch vom Sonntag 16. Juli 06
  geschenktes Wasser und Cola

Der Start um halb 7 geht problemlos. Ich pilgere talwärts und komme bald nach Riego de Ambros. Gerne erinner ich mich an die Pension, wo ich mit einer ganzen Pilgergruppe übernachtet habe. Der Abstieg weiter nach Molinaseca geht auch gut. Dort geniesse ich das Restaurant ausgangs des Dorfes. Auf einer speziellen Bank, wo ich mich früher mal fotografieren liess, geniesse ich das Morgenessen mit Kaffee, Gipfeli und Wasser. Viele Pilger gehen vorbei.

Dann geht der Weg weiter Richtung Ponferrada. Irgendwo treffe ich auf die zwei Amerikanerinnen. Wir gehen gemeinsam bis zur Burg in Ponferrada.

Noch vor dieser Begegnung hatte ich ein anderes schönes Erlebnis. Bei einer Rast sitze ich auf einem Mäuerchen neben der Hauptstrasse. Es begrenzt eine Nebenstrasse, die weg führt. Da hält ein Auto an, die rechte Scheibe wird herunter gedreht. Eine Frau sitzt drin und fragt, ob ich gerne Wasser hätte. Ich über lege kurz - ich möchte keine Einladungen mehr unterschlagen - und sage ja.

Sie fährt weiter und biegt bei einem Einfamilienhaus ab. So mache ich mich auf mit meinen zwei Wasserflaschen zum Haus. Dort kommt die Frau bereits aus der Garage mit gekühlten Flaschen, an denen das Kondenswasser herabperlt. Wie in der Werbung. Sie stellt auch ein Glas dazu und lädt mich ein zu trinken und Wasser abzufüllen.

Ich bin beeindruckt, dass diese jüngere, hübsche und elegant aussehende Dame mich fremden Mann einfach so zu ihrem Haus einlädt. Davon will ich gerne lernen, was Gastfreundschaft heissen kann.

In Ponferrada ist ein grosser Auflauf von Motorrädern. Ich bewundere ein paar ganz spezielle Modelle. Die beiden Amerikanerinnern möchten hier bleiben. Ich ziehe es vor, weiter zu gehen. Wieder mal bin ich völlig alleine auf dem Weg.

In Columbrianos lege ich mich im Schatten der Kirche auf eine steinerne Bank für die Mittagsrast. Der kurze Mittagsschlaf tut gut.

Es folgt nun eine lange Strecke der Strasse entlang. Am Ende des Dorfes sehe ich ein grosses Plakat am Strassenrand, das die Pilger begrüsst. Interessant, finde ich. Dahinter steht ein Partyzelt und darunter Tische und Bänke. Ich gehe genauer schauen, was es mit diesem Pausenplatz auf sich hat. Ein Gästebuch liegt offen auf dem Tisch. Ich drehe mich um und sehe zu meinem Erstaunen einen Getränkeautomaten dastehen. Aha, denke ich, schön, wie die uns Pilger fangen!

Aber, weit gefehlt! Denn beim genaueren Hinsehen auf die Etiketten der Getränke am Automaten und die Preisschilder bleibt mir die eh schon fehlende Spucke weg: gratis, steht da ganz simpel statt einer Euro-Angabe.

So genehmige ich mir ein gekühltes Cola unter dem Zeltdach und bin ganz gerührt und glücklich über diese zuvorkommende Geste. Sie stammt, wie es geschrieben steht, von der gegenüberliegenden Firma - einer Glasfabrik. Ist doch einfach toll! Ich denke, da wird manch einer und eine vorbei gehen, ohne auf den Gedanken zu kommen, dass man sich hier so fein laben könnte.

Es beginnen die Weinberge des Bierzo. Ich erinnere mich beim Durchqueren an einen Pilger, der in meiner Pilgergruppe ausgerechnet hier den Kreuzweg laut beten wollte. Es stimmte einfach nicht zusammen... Von dort weg habe ich keine Erinnerungen mehr an den Weg. Wieder mal bemerke ich, dass Wegstücke, wo ich mich ärgerte oder absorbiert war, keine konkreten Erinnerungen zum Weg bleiben.

In Cacabelos gibt es eine lustige Herberge. Sie ist rund um die Kirche angelegt. Es sind lauter aneinander gereiht Zweier-Kabinen. Wer da wohl die zweite Person sein wird? - Es ist ein Spanier, der laut prahlt den Jakobsweg schon wiederholt in 18 oder 19 Tagen 'geschafft' zu haben. Schade, denke ich...

Es ist einfach zu heiss im Hüttchen, sodass ich die Matratze nehme und ins Freie liege. Das wiederum ist so nicht vorgesehen. Eine Ordnerin ruft mich zur Ordnung und vermittelt mir alte Matratzen, damit ich draussen bleiben kann.  In der Nähe blabbert eine Pilgerin so laut und belanglos, dass ich an eine Frau aus der Ostschweiz erinnert werde, deren Geblabber ich oft anhören musste - berufshalber. Hier kann ich es einfach beobachten und blabbern lassen...

Neue Gesichter sind da: Tini in der Bar, Charlotte beim Nachtessen und auf der Foto entdecke ich zuhause Laura aus Kanada, der ich noch öfter begegnen werde.

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Montag 17.Juli:
Cacabelos - Ruitelán (30 km)

 

Villafranca del Bierzo Weg
Jakobuspforte in Villafranca del Bierzo.
Das Durchschreiten dieser Pforte galt als Erfüllung der Pilgerreise,
wenn Pilger gesundheitshalber nicht mehr weiter gehen konnten
auf gehts zum Cebreiro-Pass - zuerst der Strasse entlang, die aber
dank der neuen Autobahn praktisch autofrei ist
   
Ruitelán Herberge
Ruitelán mit der besonderen und empfehlenswerten
Herberge 'Pequeño Potala'

 

typische Herbergs- 'Idylle'
Nachtessen Engel Raphael
der Koch des Hauses bereitet für alle ein wunderbares Nachtessen und ein nicht minder feines Morgenessen. Die Pilgergemeinschaft international zusammengesetzt:
Katalonien, Spanien, Frankreich, Israel, USA, Schweiz

 

der Engel Raphael über meinem Bett - der Engel, der schon in meiner Kindheit von der Schulhauswand schaute

 

Aus dem Tagebuch vom Montag 17. Juli 06
  weitere Begegnungen

SMS an Judith zu ihrem 25. Geburtstag. Ich hätte ihr zu diesem speziellen Geburtstag gerne persönlich gratuliert.

Nach 7 Uhr starte ich. Schon viele sind auf den Beinen. Ich freue mich auf das Dorf Villafranca del Bierzo. Dort habe ich viele positive Erinnerungen. Der Weg führt durch viele Rebberge.

Ich setze mich im Zentrum in ein Gartenrestaurant und genehmige das Morgenessen mit Kaffee, Gipfeli und Wasser. Charlotte taucht auch wieder auf. Sie ist pensioniert und erzählt viele lustige Begebenheiten vom Pilgerweg. Sie kommt zu originellen Unterkünften und lässt sich hie und da eine kleine Wegstrecke chauffieren. Sie erfragt bei mir den weiteren Verlauf des Weges. Ich erkläre mehrfach, es gehe geradeaus und dann rechts. Sie deutet immer in die linke Richtung. Dann startet sie und geht prompt links. Sie wird den Weg schon finden...

Der Weg geht weiter, obwohl ich 'Bleibe-Bedürfnisse' und Heimweh habe. Es geht weiter...

Dörfer mit bekannten Namen reihen sich an die Perlenschnur der Ortschaften. Das Tal Valcarce ist mir bekannt. Ich habe die Wahl, den Fluss und die Vögel oder die Autobahngeräusche zu hören. (Später werde ich mich wundern, wie Hape Kerkeling diesen Teilbereich des Jakobsweges als wahren Höllentrip beschreibt...) Ich freue mich am Wasser, das im Grunde des Tales munter vor sich hin fliesst. Ob Charlotte den 'Camino duro' schafft? - eine Wegvariante, die in manchen Büchern empfohlen wird, damit man die Strasse meiden kann - die aber sehr viele Höhenmeter im Auf und Ab beinhaltet

Irgendwann wird es sehr heiss. Ich flüchte geradezu in das Autobahnrestaurant, wo Heinz vor einem Jahr seinen Rucksack aufgeben musste. Hier wie an verschiedenen Plätzen kommen Erinnerungen an die Gruppenpilgerreise vom Jahr 2005. Im Restaurant sitzt auch der namenlose Japaner, dem ich schon öfters begegnet bin. Er ist immer mit einem ganz gefüllten Plastiksack voller Esswaren an einer Hand unterwegs. Und dazu hat er hier im Restaurant bestimmt die Zutaten für zwei Menus zusammen auf dem Tisch versammelt. Nach japanischer Art in verschiedenen Schüsseln, nur nicht japanisch portioniert. Er isst zum Zuschauen grässlich, mit ständig offenem Mund und lässt am Schluss das Meiste stehen. Ich werde ihm noch öfters begegnen.

Beim Weitergehen folgen viele Herbergen der Reihe nach. So auch das animas in Ambasmestas, die mir während des Jahres Werbung schickt. Ich werde zunehmend müder und beschliesse: die nächste ist es. Es ist die Herberge von Ruitelán. Es ist ausgerechnet die Herberge, die mir damals Rosa-Maria empfohlen hatte. Die beiden Amerikanerinnen - sie haben sich inzwischen als Mutter Sharon und Tochter Mary entpuppt - sind auch hier, ebenso der Brummbär und der Bartli vom letzten Abend.

Es läuft esoterische Musik im ganzen Haus, gar nicht übel. Der Koch betont beim gemeinsamen Nachtessen, dass alle zu warten haben, bis er den Beginn signalisiert. Das machen wir und geniessen das feudale, sehr fein gekochte Nachtessen in drei Gängen, pan y vino inclusive.

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Dienstag 18.Juli:
Ruitelán - Triacastela (33 km)

 

Morgenstimmung Richtung Cebreiro
der Weg steigt stetig bergan, Morgenstimmung

 

der Cebreiro-Pass lässt sich langsam erahnen
Landschaft
Farbspiel der Landschaft Richtung Cebreiro

 

Galicia

Neugier am Weg

 

Grenzstein zu Galicien 
O Cebreiro
Blick auf das Dorf 'O Cebreiro'

 

Keltisches Haus Bibel
an den keltischen Rundhäusern muss das Strohdach alle 12 - 14 Jahre
erneuert werden.
Dieser Mann arbeitet an einem Haus einen Monat lang.
Die aufgeschlagene Bibel in der Kirche zeigt den Psalm 126, den ich anfang Mai am Bodenseekirchentag vor Untereggen antraf:
'Die in Tränen säen werden in Freude ernten.'
Einer der vielen schönen 'Zufälle'.

 

Webcam Kastanienbaum
Webcam an der Pilgerherberge von Ô Cebreiro im obersten Fenster. Link

 

Kastanienbaum beim Abstieg vom Cebreiro

 

Aus dem Tagebuch vom Dienstag 18. Juli 06
  Jakobus hilft

Um halb sechs Uhr ertönt das 'Ave Maria' von Gounod in voller Lautstärke in den Schlafzimmern der Herberge. Sofort plaudern die spanischen Kumpels. Ich würde gerne in Ruhe die Musik geniessen. Es schmeckt bald von frischem Brot und Kaffee im Haus. Ein feines Morgenessen steht bereit. Ein Teil der Pilgerinnen und Pilger hat sich noch nicht erhoben. So ertönt ganz laut das 'O sole mio'.

Begleichung der Rechnung: 14 Euros für die Halbpension. Ist das nicht herrlich? Dann Aufbruch im Halbdunkel der Strasse entlang. Weiler kommen und in der Weite sind weitere Hügel auszumachen. Es geht aufwärts, manchmal recht steil.

Ein Kaffeehalt am Weg. Ein Bauer kommt mit Kuh, Pferd und Hund entgegen. Als er meinen Fotoapparat sieht, deckt er sein Gesicht ab. So lasse ich es sein.

Dann geht es immer weiter aufwärts mit lange gezogenen Hügeln. Auf einem der Hügelrücken schläft Georges am Weg. Ich hatte ihn schon mal schlafend bei einer Kapelle angetroffen. Er erzählt vom Sternenhimmel und ist ganz glücklich. Es folgt die Stelle, wo ich Hanny mit dem Regenschirm fotographierte. 

Ein französisches Paar kommt entgegen. Sie sind auf dem Heimweg und bleiben stehen. Über uns kurvt ein Adler. Er wird von einem Falken angegriffen. Interessantes Spektakel, das ich dank der Blicke durchs Fernrohr des Pilgerpaars mit bekomme.

Bald ist der Cebreiro nahe. Es wird immer flacher. Oben angekommen, gehe ich zuerst nach rechts auf die Anhöhe. Ein herrlicher Weitblick öffnet sich.

Dann halte ich Einkehr in der Kirche. In einer Seitenkapelle liegen aufgeschlagene Bibeln auf dem Taufstein. Es gibt auch eine deutsche Ausgabe. Ich nehme sie in die Hand und lese auf der rechten Seite aus Psalm 126: "Die in Tränen säen, werden in Freude ernten." Der Vers, der vor Untereggen auf einem Bildstöckli am Jakobsweg steht. Ich hatte ihn im Mai am Bodenseekirchentag mit einer Pilgergruppe betrachtet. Zufälle...!

Dann geht es weiter nach Alto Poio. Die Strecke kommt mir länger vor. Ich freue mich wieder mal auf einen Salat. Der Herr im Restaurant hat gar kein Musikgehör. In der anderen Beiz geht es auch komisch zu und her.

So gehe ich talwärts und lagere auf einer frisch gemähten Wiese - etwas ganz Neues am Weg. Nun geht's bergab, manchmal steil, manchmal gering. Dörfer folgen sich. So auch das Restaurant, wo ich den Stock von Andrea bekommen habe.

Eine lautstark in die Gegend plärrende Pilgerin an ihrem Natel hält mich von einem Besuch dieses Restaurants ab. Das mit dem Stock kommt mir erst danach in den Sinn, schade. Ich überhole manchmal Pilgerinnen und Pilger, so auch die beiden Amerikanerinnen. Immer wieder kreuze ich die Bahn einer deutschen Pilgerin ohne Namen. Am Morgen fotografierte sie vor mir, am Nachmittag wieder. Sie benimmt sich so, wie wenn ich für sie eine Bedrohung wäre. Das Signal 'Vorsicht' kommt mir entgegen. Dass sie schon mal 'Hallo' sagt, ist schon ein kleines Wunder.

Triacastela rückt näher. Ich bin froh, es sind um die 30 km. Ich habe schon auf dem Abstieg beschlossen, heute ein Hostal zu nehmen. Beim Eintreffen im Dorf kommt ein Katalane entgegen: alles sei voll hier, was die erste überflutete Herberge bestätigte. So bitte ich Jakobus um Hilfe bei der Suche. Ein Haus hat 'Habitaciones' (Zimmer) ausgeschrieben. Es sei besetzt. Aber: sie wisse noch eine Adresse. Und: schon habe ich ein wunderbares Zimmer für 18 Euros. Perfekt! Danke Jakobus!

Claudia schreibt aus der Schweiz, ob ich Jakobus für den Freund von Angela bitten könne. Er liege auf der Intensivstation. Zufällig hat dieses Dorf eine Jakobuskirche.

Nachtessen: Vorspeise mit Pulpo. Drei Frauen kommen dazu darunter auch Charlotte. Ilse entpuppt sich als Hospitalera von Belorado und sie kennt Willi - gebürtiger Aargauer, wohnhaft in Würzburg - , mit dem zusammen ich zwei Wochen Hospitalero war. Sie weiss sogar, dass er jetzt in Brasilien verheiratet sei. Sie kann mir seine Adresse geben, die ich zwischenzeitlich verloren hatte. Ist das nicht herrrlich?

Pilgergottesdienst in der Kirche. Der Pfarrer bemüht sich, in verschiedenen Sprachen etwas vom Jakobsweg und Jakobus herüber zu bringen. Ein Teil Jugendlicher findet es lustig, eine Gruppe offensichtlich sehr traditioneller katholischer Amerikaner gar nicht. Sie waren mir schon vor dem Gottesdienst vor der Kirche am Boden kniend aufgefallen. Auch in der Messe knien sie andauernd, obwohl der Pfarrer zum Sitzen einlädt.

Beim Friedensgruss geht ein Mann quer durch die ganze Kirche, um die anderen zu küssen und zu grüssen. Das ist für eine junge Amerikanerin zuviel. Sie läuft heulend aus der Kirche und schluchzt elendiglich vor dem Eingang. Beim Kommuniongang gehe ich nachschauen. Ich versuche sie und die anderen verschreckten Jugendlichen zu trösten. Sie ist regelrecht schockiert und wiederholt dauernd: das tut Jesus so weh! Ich rede so gut ich kann auf sie ein, Jesus sei grösser als wir meinen usw. Die anderen der Gruppe sind immer noch auf den Knien, wie wenn in der Kirche der Teufel selbst anwesend wäre. Sie bedanken sich aber und die Frau wird etwas ruhiger.

Das Nachtessen nehme ich zusammen mit den Katalanen, die ich nur teilweise verstehe. Einer übersetzt immer wieder ins Spanische... Amüsant.

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Mittwoch 19.Juli:
Triacastela - Sarria (24 km)

 

Unordnung Samos
erstaunliche Unordnung immer wieder bei galicischen Bauernhöfen

 

Blick auf das Kloster Samos
Nymphen Samos Kloster Samos
Nymphen-Brunnen im Kreuzgang von Samos.
Siehe dazu eine Geschichte

 

letztes grosses Kloster am Weg bis Santiago
Sarria Sarria
abgelaufene Stufen beim Eingang von Sarria

 

Kirche von Sarria von der Dachterasse einer Herberge aus gesehen

 

Aus dem Tagebuch vom Mittwoch 19. Juli 06
  ein Opfer

Ich schlafe göttlich in meinem Zimmer. Gegen Morgen tröpfelt es draussen. Um 7 Uhr beginnt es zu regnen. Ich bleibe vorerst im Trockenen. Der Kaffee im Stock darunter schmeckt gut und ein zünftiges Gewitter zieht auf. Durchnässte Pilgerinnen und Pilger strömen ins Restaurant. Um 8.30 Uhr, einem Rekord an spätem Start, breche ich auf nach Samos. Schöne Wege durch verschissene Dörfer im wortwörtlichen Sinn folgen. Am Liebsten würde ich mit einem Besen an die Arbeit gehen.

Treffen in einer Bar: ich komme von links eine Französin, Jacky, aus der Nähe von Paris, ist auf dem Heimweg und kommt von rechts. Sie pilgerte via den Camino Norte nach Finisterre und kehrt nun über den Camino Francés heim. Sie legt pro Tag etwa 20 km zurück, da ein Knie schmerzt. Ein Bier bringt sie offensichtlich in Stimmung.

Das Kloster Samos ist riesig. Ich umrunde es zuerst und nehme dann an einer Führung teil. Ein mittelmässiger Ensalada mista in einem Dorfrestaurant ist das Mittagessen.

Aufbruch nach Sarria. Die nächsten 11 km auf der Teerstrasse kommen mir vor wie der Weg hinauf auf den Somport und machen mich müde. Ich lege mich zum Ausruhen auf eine Betonplatte und merke danach, dass es gerade kurz vor Sarria war.

Einzug in Sarria. Es rufen einige ein Hallo entgegen. Das ist schön, aber auch komisch. Herbergsuche. In einer nigelnagelneuen Privatherberge komme ich unter. Herumsitzen und plaudern mit Paul und Ursula - ein Lehrerehepaar. Sie unterrichtet deutsch für Ausländer.

Der Kellner kommt mit einem fein duftenden Kotelett, für das er niemanden mehr findet. Ich opfere mich und finde es wunderbar wie schon vorher den ganz speziellen spritzigen Rosado aus dem Kühlschrank.

Besuch der Pilgermesse. Der Priester gibt sich Mühe, gut zu sprechen. Ein Mann singt ein Pilgerlied. Auch die amerikanische Gruppe vom Vortag ist da.

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Donnerstag 20.Juli:
Sarria - Ventas de Narón (34.7 km)

 

Weg Portomarín
Weg Strasse über den Staudamm von Portomarín

 

Jakobus Laurent
Jakobus weist den Weg in Portomarín

 

Treffen mit Laurent, der gerne über das Leben philosophiert.
Seine Frage: Gibt es ein Leben ausserhalb der Gesellschaft?

 

Aus dem Tagebuch vom Donnerstag 20. Juli 06
  verschiedene Arten zu pilgern

In der neuen Herberge schlafe ich ausgezeichnet und stehe um Viertel vor 6 Uhr auf. Start mit Kaffee und Gipfel um halb 7. Wunderbare Wege tun sich auf. Märchenhaft verwunschene Wege mit moosbewachsenen Mauern und dunklen Eichen - es könnten jederzeit Kobolde hervor treten.

Ich gehe und gehe, besuche die Bars, wo es möglich ist und komme immer weiter. Im Pilgerbuch habe den Text aufgeschlagen: der mich trug. Er berührt mich sehr, vorallem der Vers: "bis dass ich fliegen konnte aus eigener Kraft". Beim Ankommen in Portomarin um 12 Uhr ertönen die Kirchenglocken mit der Melodie des Ave Marias von Lourdes. Es ist doch schon eine Weile her seit Lourdes. Auf die Brücke biegt ein grosses Motorrad mit Schildern aus Appenzell Innerrhoden ein. Noch nie habe ich den Stausee so voll gesehen.

Oben im Dorf treffe ich das Appenzeller Paar. Wir plaudern eine Weile miteinander. Dann genehmige ich eine kleine Pizza, die sehr gross ist. Zwei deutsche Frauen, wohl eher Neu-Pilgerinnen, beschweren sich, dass im Pilgerführer keine Ausgehtipps für Restaurants enthalten sind. Ich versuche locker zu bleiben und das Pilgern vom gewöhnlichen Reisen zu unterscheiden. Es will mir nicht ganz gelingen. Da kommt Charlotte hinzu und bringt mit ihrem Humor und praktischer Hilfe mit Pflaster und Watte eine wohltuende Stimmung.

Es ist mir klar, dass ich noch weiter gehe. Vor der schmalen Brücke begegne ich einem hinkenden Pilger. Die Eisenplatten sind von der Hitze gebogen und knacken beim Darübergehen bedrohlich.

Später hole ich einen jungen Pilger ein. Er stammt aus Toulon und heisst Laurent. Er möchte offensichtlich gerne diskutieren. Es entwickeln sich interessante Gespräche über das Leben.

Der Weg geht im Flug vorbei und damit drei weitere Stunden. Im Hospital da Cruz sieht die Herberge wie ein Lazarett aus. Überall lagern Pilgerinnen und Pilger, in der Küche, im Freien. Ich gehe weiter und finde nur einen Kilometer entfernt in Ventas de Narón eine wunderbare, fast leere Herberge.

Der Chef fährt mich mit dem Auto zurück, weil ich denke, dass einige gerne hierher kämen. Aber weit gefehlt: gerade mal drei Leute stehen auf. Zwei junge Belgierinnen und ein Pariser. Sie nennen mich überschwenglich 'Sauveur - Retter'. Der Spanier, den ich schon einige Male sah, ist auch hier. Er heisst Manolo. Der Pariser hat in seiner Eile zuerst die Schuhe und ein Kleid vergessen und am Morgen hat er noch bemerkt, dass er das Buch liegen gelassen hatte.

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Freitag 21.Juli:
Ventas de Narón - Arzua (40 km)

 

Pilgertanz Schachtdeckel
Pilgertanz in Palas de Rei

 

wieder mal ein schöner Schachtdeckel
Mähmaschine
museale Mäher funktionieren noch

 

Ein sehr seltenes Kreuz. Jesus reicht die Hand entgegen.
Gläubigen berühren diese Hand und sehen dabei dem Gekreuzigten
direkt in die Augen. Glauben mit allen Sinnen. In Furelos.

 

Distanzstein Pulpo
Die Distanz schmilzt zusehends.

 

In Melide gibt es Pulperias, wo alle Leute nur das eine verspeisen:
Pulpo.
Pulpo
nochmals die Pulperia

 

Calle Principal in Melide
Jakobus in Boente

 

Festankündigung in Boente

 

Aus dem Tagebuch vom Freitag 21. Juli 06
  mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen

Der Tag beginnt mit einem Kaffee beim Chef persönlich. Ich kann gut weg gehen. Es folgen sich Wanderwege, kleine Dörfer und Weiler. Ich treffe bei der nächsten Herberge auf Laurent. Dieser macht mich auf einen Günther aufmerksam. Nach einer gewissen Zeit hole ich einen älteren Mann ein und vermute in ihm den Günther. So sage ich im auf Deutsch: "Guten Morgen", worauf er sich verwundert umdreht. Es ist Günther. Wir gehen gemeinsam weiter. Er erzählt und philosophiert über Kunst. Ich trage das Meine bei. Irgendwann bleibt er stehen und sagt, ich seit einigen Wochen der Erste, mit dem er so lange rede. Ich fühle mich geehrt. Er sucht sich eine schöne Bank zum Zeichnen der nächsten Fassaden - seine Art von Tagebuch - und wir verabschieden uns im Wissen, uns wohl kaum wieder mal zu sehen und doch sehr gut verstanden zu haben.

Ich komme nach Palas de Rei mit einem kurzen Zwischenhalt. Ich betrete ein Café, wo wie schon einmal eine sehr seltsame Dame serviert. Ich gehe meinen Weg weiter.

Ich habe es plötzlich sehr schwer und kaum gehen. Etwas drückt.

Der Ort Furelos folgt, wo ein interessantes Kreuz aufgestellt ist. Der gekreuzigte Christus streckt eine Hand nach unten zur Erde. Es ist möglich, die eigene Hand in die seinige zu legen. Dieses Kreuz hatte mir bei der ersten Begegnung vor zwei Jahren mächtig Eindruck gemacht. Christus schaut mit seinen grossen Augen direkt in meine Augen, wenn ich ihm die Hand reiche.

Der Pfarrer vom Ort referiert. Ich ertrage dies diesmal nicht und gehe weiter. In der Bar gegenüber wird lautstark galicisch-keltische Musik abgespielt.

Ich erreiche Melide. Dort fallen mir zwei Pulperias an der Strasse auf. Ich gehe zur zweiten zurück und erhalte eine riesige Portion Pulpo und Wein in einer Tasse. Die Frau säbelt die Pulpos mit einer Schere wohl seit langer Zeit auseinander und schwitzt. In der Halle ist so etwas wie eine Volksfeststimmung - oder auf französisch - la grande bouffe - das grosse Fressen.

Es geht weiter und mir ist wieder leichter. Durch eine leere Dorfgasse führt der Weg. Es ist circa halb zwei Uhr. Was nun folgt, muss ich wie einen Film beschreiben. Ich sehe vor mir in ungefähr 50 m Abstand eine junge Frau in einem weissen Minirock. Sie schaut einem Mini-Hund zu. Ich versuche wie oft bei solchen Begegnungen, das Hündchen zu zäukeln. Es biegt auch tatsächlich ab und gegen mich hin. Hinter mir höre ich ein Motorrad in die Dorfstrasse einbiegen im Abstand von etwa 200 m. Ich denke ans Hündchen und verscheuche es an den Strassenrand. In diesem Moment rattert etwas seltsam mit blechernem Klang hinter mir. Ich weiss schon ohne zu schauen: ein Motorrad ist gestürzt. Ich drehe mich um und sehe etwa 50 m hinter mir: eine alte Frau am Boden liegend und sich bewegend, einen jüngeren Mann am Boden regungslos liegend, ein Motorrad am Boden.

Leute eilen herbei, auch die weissgekleidete junge Frau eilt sofort hin. Sie hilft der älteren Frau auf die Beine. Ich stehe wie angewurzelt - soll, kann ich hingehen? soll, kann ich helfen? spanisch reden, verstehen? Derweil entsteht beim jungen Mann eine Blutlache. Ich habe schlimme Befürchtungen. Kommt denn da keine Polizei oder ein Krankenwagen?

Durch ein offenes Fenster grad an der Strasse sehe ich eine ältere Frau beim Nähen. Sie kommt zum Fenster. Ich frage sie, ob es denn hier keine Ambulanz gibt. Doch, der nächste Spital ist in Santiago... immerhin sind es dorthin noch über 50 km.

Endlich drei Autos, Polizei. Ein Mann neigt sich zum Verunfallten - und geht wieder weg. Das bedeutet für mich klar: tot. Dann das erste Rettungsfahrzeug: nochmals dasselbe. Kurzes Hinsehen, niederknien, weggehen. Der Mann bleibt lieben wie er ist.

Soll ich jetzt hingehen? Etwas beten? - Mit einem Mal bin ich mitten in meiner alltäglichen Arbeitswelt des Spitals. Und ich erkenne, in welch verrückte Situationen ich da immer wieder hinein gerufen werde.

Ich muss den Rucksack abstellen und schauen und schauen. Ich bin völlig durcheinander, auch die Leute in der Nachbarschaft. Der Tod aus heiterem Himmel so nah auf den Fersen! Eine Pilgerin kommt und fragt mich ständig nach der Adresse einer Herberge. Ich sage ihr mehrmals: schau, dort liegt ein toter Mann, du musst jetzt warten. Sie wartet nicht und sucht in der Unfallstrasse weiter.

Als dann ein laut schreiende und klagende junge Frau in die Strasse einbiegt, weiss ich - es ist wohl die Frau des Verunglückten - und ich muss die Strasse verlassen. Das ist mir nun einfach zu viel.

Auf einer Bank sitze ich ab, denke nach, ordne meine Gefühle soweit möglich und gehe dann weiter. Ich muss ganz langsam gehen.

In einem Waldstück sitzt eine Frau am Wegrand. Ob sie mit mir mitkommen dürfe. Sie sei völlig kaputt, ihre Gruppe habe sie alleine gelassen. Sie heisse Mercedes. So schleppe ich also einen Mercedes den Hang hinauf Richtung Arzua. Wir brauchen dafür bis 20 Uhr. Es hat den Vorteil, dass ich körperlich frisch ankomme. Zwei Besos zum Dank.

Ich ziele direkt auf ein mir bekanntes Hostal zu und dort hat es, wie ich es mir gedacht habe, noch ein Zimmer frei, Zimmer Nr.1.

Nach diesem sehr intensiven Tag schlafe ich wie ein Bär.

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Samstag 22.Juli:
Arzua - Lavacolla (31 km)

 

Manolo Lorenzo Lorenzo
wieder mal ein Treffen mit Manolo und Lorenzo

 

Lorenzo trägt seine Italienfahne tapfer bis ans Ziel
Rebenlaube
wunderbare Rebenlauben schmücken Häuser und Gärten

 

Eukalyptuswald nahe Lavacolla. Hier in der Nähe brannte es später kräftig.
Flughafen Lavacolla Lavacolla
eine andere Welt bricht ein - Landung eines Flugzeuges direkt
entlang des Jakobsweges in Lavacolla, dem Flughafen von Santiago
In diesem Ort nächtigten früher die Pilger nochmals und
wuschen sich für die Ankunft. Ich übernachtete ebenfalls in Lavacolla.

 

 

Aus dem Tagebuch vom Samstag 22. Juli 06
  der letzte ganze Pilgertag vor Santiago

Um halb acht breche ich auf und suche nach einem Café mit Zeitung. Mich interessiert, ob darin etwas zum Unfall von gestern zu finden ist. Ich finde tatsächlich eine Meldung im 'El Correo Gallego' S. 23 unter dem Haupttitel 'Cinco muertos en las últimas horas' (fünf Tote in den letzten Stunden) und es wird ungefähr so beschrieben, wie ich mir den Unfall zusammen gereimt habe. Der Motorradfahrer, ohne Helm, wollte einer älteren Frau ausweichen und stürzte. Sein Name: José Luis Rodríguez Varela, 28 Jahre alt. Dieses Erlebnis wird mich noch eine Weile beschäftigen.

Es folgen schöne Waldpartien, starkes Morgenlicht und Wolken in rosa gefärbt, Vogelgezwitscher.

Es ist der letzte ganze Pilgertag vor Santiago. Heute vor einem Monat war ich in Lourdes. Ich treffe wieder Manolo und Lorenzo. Es ist ein gutes Zusammentreffen und wir erzählen einander, was gerade ist.

Ich gehe weiter bis zum Flughafen. Dort startet und landet nacheinander je eine Maschine. Schon freue ich mich auf das Heimfliegen.

Mein Ziel ist heute Lavacolla, wo sich in früheren Zeiten die Pilgerinnen und Pilger im kleinen Flüsschen von den stinkigen Gerüchen  befreiten. Sie wollten in Santiago gut riechen. In Lavacolla steuere ich auf ein mir bekanntes Hostal zu. Es hat Platz wie gedacht. Die Katalanen sind auch hier. Ich esse mit ihnen das Nachtessen. Ich erhalte einen wunderbaren Fisch.

Danach packe ich den Rucksack reisefertig und stelle den Wecker im Natel auf 5.15 Uhr - eine extrafrühe Zeit, damit ich sicher vor 9 Uhr in der Kathedrale von Santiago sein werde. Ich schlafe schlecht ein.

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Sonntag 23.Juli:
Lavacolla - Santiago de Compostela (10 km)

 

Morgen Monte de Gozo
Morgennebel über Lavacolla Nebel über dem Monte de Gozo, dem Berg der Freude,
von wo aus die Kathedraltürme Santiagos erstmals sichtbar wären

 

Schachtdeckel weisses Kreuz - rotes Kreuz
Schachtdeckel mit Jakobsmuschel

 

Empfang für die Schweiz?? - Nein, wohl eine Verwechslung
mit dem roten Kreuz...
Santiago
Eingang zur Stadt Santiago

 

Turm
ein erster Kathedral-Turm rückt in die Nähe

 

Ankunft
Ankunft in Santiago am Sonntag 23. Juli 06

 

Empfang durch Manolo
Kathedrale von Santiago Festfiguren
Seitenschiff der Kathedrale

 

Figuren für das Jakobusfest gerüstet in der Kathedrale
Pilgerstäbe Lorenzo
Pilgerstäbe im Pilgerbüro zeugen von beendeten Pilgerreisen

 

auch Lorenzo erreicht sein Ziel glücklich
Feuerwerkfassade
über hunderte von Kilometern immer wieder getroffen
ohne etwas abzusprechen
vor die Fassade wurde eine Fassade gebaut zum Aufbau
des Feuerwerks vom 24.Juli nachts

 

Christina
Isabelle aus Paris ist ebenfalls angekommen
 
spannender Name eines Kleiderladens von Santiago
Feuerwerk Pilgerbüro Santiago
Einrichten des riesigen Feuerwerkes

 

warten und treffen vor dem Pilgerbüro

 

Aus dem Tagebuch vom Sonntag 23. Juli 06
  Nebel - keine Flechas - Ankunft - Freude - Goldmünzen

O Schreck! - Es ist 7 Uhr als ich erwache. Beim Wecker vom Natel habe ich zu Beginn der Pilgerreise den Sonntag heraus genommen, weil ich ja jeweils sonntags ruhen wollte...

Aerger! - aber es ist ja nichts Schlimmes, ich nehme eine Dusche und mache mich auf den Weg. Mir kommt es vor, ich gehe in Windeseile ganz leichtfüssig. Von anderen Pilgern keine Spur! Das gefällt mir sehr.

Bald leuchtet die goldene Sonne in die Landschaft. Ein Flugzeug startet. Dann schweben Nebelbänke über der Landschaft. Nach dem Fernsehsender TV Galicien - Gelände ist alles in Nebel verhüllt. Auch der Monte del Gozo, der Berg der Freude, von dem man erstmals in weiter Ferne die Kirchturmspitzen der Kathedrale von Santiago sehen kann, resp. könnte, ist in dicken Nebel eingehüllt. Ganz in der Nähe hoppeln kleine Häschen über die Strasse.

Weiter unten in Richtung Stadt treffe ich erste Menschen und ein paar Pilger. Es folgen erste Häuser vor Santiago, die Ortstafel Santiago und ein humpelnder junger Pilger auf der Brücke.

Ich folge aufmerksam den Flechas, da ich mich schon einmal beim Eingang zur Stadt verlaufen hatte. Vor mir läuft eine junge schwarze Pilgerin. Ich folge ihr und gehe meinen Gedanken nach. Als sie unvermittelt in einem Café verschwindet, sehe ich keine Flechas mehr. Eine Gruppe verirrter Pilger kommt auf die Kreuzung zu. Ich gehe gefühlsmässig gerade aus und es ist genau richtig. Trotzdem meine ich, dass die Signalisierung in die Stadt sehr schlecht ist.

Kathedraltürme, Kathedralfassade, Placa Obradeiro!
Manolo steht dort - wir umarmen uns. Schön, in diesem intensiven Moment nicht ganz alleine zu sein. Dann möchte ich in die Kathedrale gehen. Es ist 9 Uhr. Der Altaraufgang vorne ist geschlossen, die Säule hinten offen. In Ruhe und Beschaulichkeit kann ich die Finger meiner rechten Hand in die Vertiefungen der Säule legen. Dann bittet mich ein Fotograph um die Erlaubnis, mich für eine Reportage und Ausstellung  fotografieren zu dürfen. Warum nicht - ich fotografiere auch gerne.

Herbergssuche.
Das Girasol ist voll, die Pension Estrela ist voll. Die Dame der Pension lädt mich trotzdem zu einem Kaffee ein, nachdem ich sie gebeten habe, das mir unbekannte Haus besichtigen zu dürfen. Sie bietet mir auch an, das Internet für Mails benutzen zu dürfen. Sehr freundlich und lieb. Sie ruft einer Nachbarin ins Casa Felisa an, ebenfalls voll. Dann: das Hostal Moure habe für zwei Nächte Platz. Schön, einfach so willkommen zu sein und ohne Anstrengung zu einem Bett zu kommen.

Ich habe geplant, danach nach Finisterre zu pilgern. Für die Nacht danach reserviere ich ein Zimmer im Hotel mit meinem Lieblingsgarten von Santiago, das Costa Vella. Noch nie konnte ich dort übernachten. Der Kellner Robert erkennt mich und hat grosse Freude, dass ich sie besuche. Das obligate Glas Wein in diesem wunderbaren Garten folgt.

Um 12 Uhr ist Pilgermesse in der Kathedrale. Im Evangelium: Jesus sucht einen Ort, wo er sich ausruhen könnte. Descansar-se... Bei der Predigt begrüsst der Bischof in vielen Sprachen, was sehr wohltuend ist und das Gefühl von Willkommensein gibt.

Noch vor der Messe hatte ich im Pilgerbüro die Compostela geholt. Die junge Frau am 'Schalter' war sehr lieb, ein Mann neben ihr sehr rumpelsurig. Ich ermunterte das Fräuli, sie soll weiterhin so gut arbeiten und schenkte ihr vor Freude eine Kusshand, was sie ein wenig verdutzte.

Später treffe ich Laurent, Isabelle aus Paris, Lorenzo und viele andere mir vom Weg bekannte Pilgerinnen und Pilger - alle sind sie angekommen und glücklich.

Abends gibt es eine Messe mit Jakobusmusik von einem Chor und einem Kantor gesungen - Vorbereitungszeit zum Jakobusfest. Nach dem Kommuniongang steht plötzlich eine ältere Frau auf und drückt mir ein paar Münzen in die Hand. Ich bin ganz perplex und auch sehr beglückt! Ich halte die Münzen ganz lange in der Hand. Sie sind mir sehr viel wert, wie Goldmünzen.

Zum Schluss der Messe folgt ein Orgelbrausen, dass es mir kalt den Rücken hinunter läuft. Ein Pilgerpaar, Jutta und Stephan, laden mich zum gemeinsamen Nachtessen zusammen mit der Kanadierin Laura ein. Sie waren auch in Lavacolla - aber ich habe sie dort nicht bemerkt.

Das deutsche Pärchen kann gut über negative Geschichten vom Weg tratschen. Ich möchte dies nicht mitmachen und wehre mich. Ich bin froh, bald vom Tisch gehen zu können. Die Kathedrale wird für das Feuerwerk vorbereitet. Ich gehe durch ein paar Gassen und dann um halb zwölf ins Bett.

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Montag 24.Juli:
Santiago de Compostela

 

Dudelsack Festmusik
musikalische Einstimmung auf das Jakobusfest

 

Musikformationen mit Musik, die unseren Guggemusikstücken
sehr nahe kommt erfreuen die Menschen auf den Plätzen
Tapas Weise
Tapas im Bispo, wo ich nicht widerstehen kann

 

was die Weisen an der Aussenfassade der Kathedrale
wohl zum Ganzen sagen?
Israeli Velopilger
der Mann aus Israel ist auch angekommen

 

ein ankommender Velopilger sucht sich seinen Weg
Pilgertratsch Spektakel
Pilgertratsch mit Charlotte, Jutta und Stephan alltägliches Spektakel hinter der Kathedrale

 

warten
Stille beim Grab des Apostels Jakobus,
das eigentlich an allem schuld ist

 

am 24. Juli um 21 Uhr beginnt sich der Platz zu füllen
für das mitternächtliche Feuerwerk
Kathedrale Santiago Santiago de Compostela
es heisst, lange warten und sich die Zeit vertreiben

 

schon länger ist es dunkel über der Stadt
Feuerwerk Feuerwerk
gegen Mitternacht geht es los - zuerst Laserbilder über der Fassade
 der Kathedrale, mächtige Musik und dann 'brennt' die Turmfassade'

 

es knallt und zischt und leuchtet - kurzes Video 1,
aufgenommen mit dem Natel  Video
Kathedrale in Rot
 

 

 
Feuerwerk Feuerwerk
Video 2   Das Feuerwerk dauert fast eine halbe Stunde und ist total
beeindruckend und auch ein wenig verrückt
was diese Kathedrale alles aushält! Und was da wohl die Schweizer
Denkmalschützer sagen würden, wenn solches am Dom
in St.Gallen versucht würde...

 

am Morgen danach, am Jakobustag dem 25.Juli wird um 10 Uhr eine Festmesse angesagt. Dank der Fernsehscheinwerfer ist die
ganze Kathedrale hell erleuchtet  Video zum Botafumeiro - Weihrauchfass

 

Portico de la Gloria
Jakobus auf der Säule am Pórtico de la Gloria

 

sonst unsichtbare Details an der Innenwand - Stern und
 Jakobsmuschel
Einzug Jakobus wird herein getragen

 

der Pilger Amadeo unter den Zelebranten

 

Monogramm an einer Wand - Sonne und Mond, Alpha und Omega
Rückseite des Hochaltars mit Szenen aus dem Leben von Jakobus

 

Jakobus
Jakobus auf der Säule des Portico de la Gloria wartet gespannt auf die nächsten Pilgerinnen und Pilger

 

 

Aus dem Tagebuch vom Montag 24. Juli 06
  ein besonderer Tag in Santiago

Ausschlafen im Hostal Moure. Bummel in die Stadt, nochmals Hand an die Säule legen. Schauen wer wie auf dem Platz eintrifft. Vino und Tarta. Karten schreiben. Isabelle ist noch da

Vor dem Pilgerbüro treffe ich François. Wir freuen uns. Ich zeige ihm meine Unterkunft und er hat auch noch Platz. Obwohl: er scheint mir irgendwie unzufrieden, leicht mürrisch.

Einer der Angekommenen ist der langsame Portugiese, den ich erstmals vor langer Zeit in Hornillos sah. Ich hatte damals den Gedanken, dass er sicher bald aufhören müsse, so schlecht war er zu Fuss und sah ganz ausgemergelt, krank aus. Denkste!

Mittagessen mit Jutta und Stephan und ... Charlotte, die auch angekommen ist. Sie sei in Melide auf die Nase gefallen. Sie habe zuvor Wein und Pulpo gehabt und beim Sturz Glück. Komisch, ausgerechnet in Melide, wo ich den Todessturz erlebte. Ob dort auch Wein und Pulpo mitspielte?

Es geht mir ausgezeichnet. Ich lade die drei zu einem Kaffee in 'meinen' Garten ein. Sie sind auch begeistert.

Abends um 9 Uhr begebe ich mich zum Platz vor der Kathedrale. Es wurde mir geraten, früh dort zu sein. Um Mitternacht beginnt das berühmte Feuerwerk, auf das ich mich riesig freue. Leider habe ich vergessen, dass ich in Santiago bin und sass ohne Pullover und Picknick da. Ich begann zu frieren und musste mit ansehen, wie rund um mich herum ganze Sippen ihre Bocadillos verschlingen. Wieder mal bin ich allein in einer Menge - aber ich halte es gut aus.

Dann, der Platz ist inzwischen abgeriegelt und sehr voll, seit längerem singen Gruppen sich gegenseitig hoch, dann beginnt Musik zu spielen. Das Feuerwerk beginnt.

Es ist pompös, riesig und schön. Die Musik und das Feuerwerk sind aufeinander abgestimmt. Was diese Kathedrale alles aushält! Ich bin total begeistert von diesem Feuerwerk und ganz glücklich, dies einmal erlebt zu haben.

Bis 3 Uhr morgens bummle ich durch die Strassen. Von Ruhe keine Spur. Viele Musikgruppen ziehen durch die Strassen. Ich geniesse ein 'Cordero al forno' (Lammkeule aus dem Ofen) so um zwei Uhr nachts. Es ergibt sich keine Begegnung mit Pilgern mehr oder dann nicht mit den 'richtigen'. Ich werde müde und in mir spüre ich auch Trauer. Ich gehe ins Bett.

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Teil 1 Anreise nach Lannemezan. Pilgerweg über Lourdes bis Oloron-Sainte-Marie
Teil 2 Pilgerweg von Oloron-Sainte-Marie über den Col du Somport bis Puente la Reina
Teil 3 Pilgerweg durch die Meseta von Burgos bis Leon
Teil 5 Pilgerweg von Santiago de Compostela nach Finisterre

 

 

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